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Hochsensibilität und Temperament

JeromeKagan

Jerome Kagan  (hier auch ein Link zur englischen Wikipedia, ist viel ausführlicher als die deutsche Seite) ist ein US-amerikanischer Entwicklungspsychologe, der zum Thema Temperament forscht, aber mit Hochsensibilität gar nichts am Hut hat. Er ist emeritierter Professor für Psychologie an der Universität Harvard, und einige der Ergebnisse seiner langjährigen psychologischen Untersuchungen mit Kindern und Jugendlichen sind für das Konstrukt der Hochsensibilität von großer Bedeutung. Und ‚langjährig‘ heißt in seinem Fall nicht nur, dass er selbst viele Jahre forschend in diesem Feld tätig war, sondern auch dass ein Teil seiner Tätigkeiten echte Langzeit-Studien waren, die sich von knapp nach der Geburt bis nach der Pubertät erstreckten.

Der vielleicht wichtigste Beitrag, den der heute 88-jährige Wissenschaftler zur Hochsensibilitätsforschung leistete, war die Feststellung, dass eine gewisse Menge an Neugeborenen viel stärker auf Reize reagieren als der Rest. Wie die vorgebildete Leserin wahrscheinlich schon vermutet, wird der Prozentsatz dieser reizoffenen Babys als „15 bis 20%“ angegeben (von Elaine Aron, die seine Studien in ihrem ersten Buch zitierte).

Aber damit nicht genug. Kagan begleitete die Kinder seiner Studien jahrelang, teilweise bis nach der Pubertät. Und er stellte fest, dass der Großteil der reizoffenen Probanden die Gemeinsamkeit aufwiesen, im Laufe der Jahre ein bestimmtes Temperament zu entwickeln – und zwar wuchsen sie zu merklich vorsichtigeren, bedächtigen, überlegteren und langsameren Kindern heran. Jerome Kagan nannte sie die „gehemmte Kinder“.

Gehemmt deswegen, weil es in jedem Menschen ein sogenanntes Aktivierungssystem und ein sogenanntes Hemmungssystem gibt – das erste macht uns neugierig, das zweite vorsichtig. Jeder Mensch hat beides, aber je nachdem, welches System stärker ausgeprägt ist, sind wir eher draufgängerisch, oder eher bedächtig. Die Psychologin Elaine Aron ist der nachvollziehbaren Meinung, dass Kagans ‚gehemmte‘ Kinder weitgehend deckungsgleich sind mit den hochsensiblen.

Dass nicht 100% der reizoffenen Babies später ‚gehemmt‘ sind, liegt meiner persönlichen Meinung daran, dass es ja auch einige wenige sehr extravertierte HSP gibt. Die sind zwar reizoffen, aber fallen nicht in Kagans Schema der ‚gehemmten Kinder‘. Es gibt laut Kagan auch selten aber doch ‚gehemmte Kinder‘, die als Babies nicht reizoffen waren. Das sind nach meinem Verständnis vulnerable Menschen, d.h. solche die eine gewisse Hochsensibilität erworben haben durch sehr belastende und oftmals bedrohlichen Kindheitssituationen. Ein Beispiel wäre zB das Kind einer Frau mit klinischer Depression, wo das Kind supersensible Antennen entwickelte, um rechtzeitig zu merken wenn es der Mutter schlechter ging, weil es dann aufhören musste Kind zu sein um in klassischer Rollenumkehr auf die Mutter einzugehen und emotional für sie zu sorgen, damit diese nicht völlig in einer schweren Depression versank und drei Wochen weder einkaufen gehen noch sonst für das Kind sorgen konnte.

Über die Abgrenzung zwischen Hochsensibilität und Vulnerabilität und die Anfälligkeit von HSP für letztere gibt es auf „Zart besaitet“ ein Infoblatt. Hier möchte ich noch von einer weiteren Untersuchung Jerome Kagans berichten, der ein interessantes Licht auf die speziellen Bedürfnisse hochsensibler Menschen wirft. Er hat diese Studie einige male in leichten Abwandlungen durchgeführt, mit ziemlich konsistenten Ergebnissen.

Bei der Versuchsanordnung ging es um die Auswirkungen der Betreuungsqualität auf die Fähigkeit der Kinder, Veränderungen positiv zu verarbeiten. Jeweils ein ca. 2-jähriges Kind spielte in einem Raum mit verschiedenem Spielzeug und einer Betreuungsperson im Raum. Die Hälfte der Kinder wurde so betreut, dass die Betreuungsperson lesend im Zimmer saß, und nur wenn sich das Kind an die Betreuungsperson wandte, erhielt es Zuwendung in Form von Hilfestellung oder Ermutigung von ihr. Die andere Hälfte der Kinder genoß optimale Betreuung, indem die Betreuungsperson dem Kind ständig zugewandt war und es wohlwollend beobachtete, jedoch nur helfend eingriff wenn sich das Kind um Unterstützung an sie wandte.

Nach zwei Stunden dieser unterschiedlichen Betreuung wurden die Kinder mit Veränderung konfrontiert, indem etwas Neues und ihnen völlig Fremdes im Raum auftauchte. In einem der Fälle war das zB ein großes Stofftier von einer Art, der das Kind noch nie begegnet war, vielleicht ein großer Tintenfisch, der durch eine Klappe it einer Stange in den Raum geschoben wurde. Aus der Sicht der Kinder ist das Ding jedenfalls plötzlich und in nicht nachvollziehbarer Weise aufgetaucht. Und dann wurde gemessen, wie lange jedes Kind brauchte um seine erschrockene Erstreaktion, die in allen Fällen zumindest kurz beobachtbar war, überwand und das neue Ding erforschte.

Und jetzt wird’s interessant. Bei den nicht ‚gehemmten‘ Kindern war kein signifikanter Unterschied messbar zwischen den sehr gut und den etwas nachlässig betreuten Kindern. Bei Kagans ‚gehemmten‘ Kindern, also den hochsensiblen, die die optimale Betreuung genossen hatten, war ebenfalls kein Unterschied (!) zu den nicht gehemmten Kindern feststellbar. Sie konnten diese plötzliche Veränderung in ihrem Leben genau so gut verarbeiten, wie die vom Naturell her draufgängerischen Kinder. Jedoch die gehemmten/hochsensiblen Kinder, die weniger gut betreut worden waren, benötigten ein mehrfaches der Zeit, ehe sie es wagten, sich dere Novität zuzuwenden. Und das ist nur ein statistischer Wert – in einzelnen Fällen musste der Versuch sogar abgebrochen werden, weil die Kinder weinten, sich gar nicht mehr einkriegten und es nicht absehbar war, dass sie sich überhaupt beruhigen würden ohne aus dem Raum mit dem ‚bedrohlichen‘ Ding gebracht zu werden.

Ich finde dieses Ergebnis in mehrfacher Hinsicht sehr aufschlussreich. Erstens ist es eine schöne Bestätigung der Aussagen von Dr. Michael Pluess, der die Abteilung für Biologische und Experimentelle Psychologie an der Queen Mary Universität in London leitet und dort zur Hochsensibilität forscht und publiziert. Seinen Aussagen nach steht es außer Zweifel, dass HSP nicht nur von belastenden Ereignissen stärker beeinträchtigt werden, sondern dass wir auch von förderlichen Ereignissen stärker positiv beeinflusst werden und nachhaltig davon profitieren. Nach den zwei Stunden Optimalbetreuung durch ständige, wohlwollende Aufmerksamkeit ohne einschränkendes Überbehüten werden die Kinder vermutlich noch nicht nachhaltig mutiger geworden sein, aber zumindest kurzfristig hat es ihr Ur- und Selbstvertrauen ausreichend gestärkt, dass ihre „Hemmung“ nicht mehr messbar größer war, als die der als Babies weniger reizoffenen Kinder.

Die zweite spannende Erkenntnis aus dieser Studie ist meiner Meinung nach, dass die größere Vorsicht und Langsamkeit, ja dass die von vielen Autoren, inklusive HSP Guru Dr. Aron, vertretene Ansicht, die geringere Offenheit für Veränderung wäre ein natürlicher Teil der angeborenen Hochsensibilität, schlichtweg falsch ist. Wenn hochsensible Kinder nach nur zwei Stunden unterschiedlicher Betreuung Veränderungen zumindest unmittelbar danach genau so rasch positiv verarbeiten, wie die nicht hochsensible Kontrollgruppe, können wir getrost davon ausgehen, dass eine frühe Jugend, in der wir überwiegend so aufmerksam betreut werden, wie wir das offensichtlich brauchen zur Entwicklung unserer Bestform, in puncto Offenheit für Veränderung keine Unterschiede zwischen HSP und anderen erkennen ließe.

Eine weitere Erkenntnis für mich ist, dass unser heutiger Lebensstil zwischenmenschlich degeneriert ist. Das Leben in Kleinfamilien oder gar nur Alleinerzieher*innen mit Kind, die elterliche Abwesenheit auf Grund von Erwerbsarbeit als Norm, die weitgehende Abwesenheit von Großeltern, Urgroßeltern, Onkeln und Tanten, die altershomogene Unterbringung der Kinder in Tagesstätten und Schulen mit einer viel zu geringen Anzahl von Betreuungspersonen – all das trägt dazu bei, dass nur ein geringer Teil der kreativsten, innovativsten und empathischsten 15 bis 20% der Menschen als Erwachsene frei und freudig ihre Talente und Fähigkeiten zum Wohle aller einsetzen können. Das ist ein sehr trauriger Zustand. Geht es auch anders? Dazu mehr in einem späteren Beitrag.

Autor: Georg Parlow

Ein Gedanke zu „Hochsensibilität und Temperament

  1. ich bin laut dem Test bei euch hier auch Hochsensibel und Ich versuche mich nicht zurück zu ziehen und die Leute die mir nicht gut tun von denen hab ich mich getrennt und die Leute die mich so wollen wie ich bin und mit denen ich gerne Zeit verbringe , mit denen treffe ich mich gerne und ich schau was mir gut tut.

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