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Iwan Pawlow, Hochsensibilität und die Transmarginale Hemmung (2)

Im ersten Aufsatz zu diesem Thema habe ich den wichtigen Beitrag Iwan Pawlow’s zum Thema Hochsensibilität vorgestellt. Heute will ich vor allem auf das unangenehme Thema der Überstimulation eingehen, und auf den Zusammenhang mit der Transmarginalen Hemmung und Krisenfestigkeit. Und was das alles mit Autorität zu tun hat, bzw. wieso sich die Elternrolle manchmal nur autoritär oder gar nicht erfüllen lässt.

Der russische Forscher hat nicht nur seine Probanden bis zum Zusammenbruch mit Reizen bombardiert, sonder er hat auch gut aufgepasst, was denn so in den Menschen passiert auf dem Weg dorthin. Es geht um diesen belastenden Zustand der Überstimulation oder Reizüberflutung, von dem ich mal zu behaupten wage, dass ihn jede einzelne hochsensible Persönlichkeit schon erlebt hat. Manche ofter, manche seltener, manche leichter und manche intensiver, und für manche ist es der Normalzustand. Aber während Überstimulation ein ungenauer Begriff ist, ein zusammenfassender Begriff für all das, was da zwischen Normalzustand und Zusammenbruch liegt, hat Pawlow da zwei Stufen beschrieben.

Aber beginnen wir beim Normalzustand – den manche HSP leider nur sehr selten erreichen, und manche, die schon seit früher Jugend durch nicht funktionierende oder gar nicht vorhandene Familiensituationen außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt waren, gar nicht kennen. Dieses normale Verhaltensmuster nennt Pawlow die „Äquivalente Phase“. Äquivalent deshalb, weil die Reizmengen oder -intensitäten und unsere Empfindung und Reaktion zueinander äquivalent sind, d. h. dass die Intensitäten unserer Reaktionen auf verschiedene Reize den Intensitäten der Reize entsprechen. Also wenn uns ein Reiz unangenehm ist, dann wird es uns noch unangenehmer, wenn der Reiz stärker wird, bzw. wenn etwas angenehm ist erleben wir es als noch angenehmer, wenn es stärker wird. Oder wenn wir einen Reiz wenig beachten weil er schwach ist, dann werden wir ihm mehr Beachtung schenken, wenn er stärker wird. Das beschreibt eine äquivalente Reaktion, und deshalb hat er diesen Zustand, in dem sich zumindest nicht hochsensible Personen die meiste Zeit befinden, die äquivalente Phase.

Aber wenn die Reize zunehmen, dann treten wir in die nächste Phase ein. Um vom Normalzustand in die Überstimulation zu kommen ist es egal, ob die Anzahl der verschiedenen Reize zunimmt, oder die Intensität immer mehr zunimmt, oder ob ein an und für sich nicht unangenehm starker Reiz zu lange andauert, oder eine Kombination davon. Die nächste Phase, man kann das als „Überstimulation light“ sehen, benannte Pawlow vor ca. 100 Jahren die „Paradoxe Phase“. Paradox deshalb, weil wir in diesem Zustand auf starke Reize schwach reagiere und auf schwache stark.

Was auf den ersten Blick vielleicht unsinnig scheint, wird klarer durch ein Beispiel: wenn wir in dieser Phase der Überstimulation sind -und wie gesagt, für viele HSP ist das die Norm- dann kann es leicht vorkommen, dass wir dem Unterton einer Aussage mehr Bedeutung zumessen als dem Inhalt der Aussage. Ich behaupte mal ganz frech, dass jede und jeder Einzelne von uns sowas schon beobachtet hat, sei es an sich selbst oder an hochsensiblen Mitmenschen. Wenn auch nur ein Hauch Gereiztheit oder eine andere Emotion mitschwingen, speziell wenn wir uns in einer belastenden Situation befinden, wird oft die Aussage völlig ignoriert, und nur auf die Stimmlage reagiert.

Und bitte versteht mich nicht falsch, ich will hier nicht behaupten dass wir den Unterton völlig ausblenden sollen. Über die Stimmlage drückt sich der emotionale Zustand der sprechenden Person aus, und ist vielleicht ein Teil der Botschaft. Ich sage deswegen ‚ein Teil‘, weil es ja auch sein kann, dass die Gereiztheit überhaupt nichts mit uns und dem momentanen Austausch zu tun hat, sondern ganz andere Ursachen hat. Deshalb ist es völlig in Ordnung, vor allem in persönlichen Beziehungen, das auch anzusprechen und gegebenenfalls in die Aussage mit hinein zu nehmen. Aber die Hauptbotschaft zu ignorieren und sich nur in den Unterton zu verbeißen -oder schlimmer noch: in die von uns in den Tonfall hinein interpretierten Motive für die mitschwingende Emotion- ist äußerst unklug und führt selten zu guten Ergebnissen.

Aber beides zu beachten – das Starke stark zu berücksichtigen, und das Schwache als ergänzenden Nebenschauplatz betrachten- genau das erscheint uns falsch oder unnatürlich, ja vielleicht sogar bedrohlich, wenn wir uns im paradoxen Zustand befinden. Woran man sehen kann, dass Stresshormone körpereigene Drogen sind, die unser Bewusstsein verändern. Dem gegenzusteuern und trotzdem zu reagieren, als wären wir im äquivalenten Zustand, erfordert große Disziplin und oft schaffen wir es einfach gar nicht. Nicht selten mündet sowas in einen Streit, oder zumindest werden wir bei anderen einen Eindruck hinterlassen, der uns weniger gefällt.

Aber Gott hat sich was dabei gedacht, als er uns so gemacht hat. Was auf den ersten Blick nur negativ erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als geniale Ressource speziell der HSP. Denn -wenn ich das bei Vorträgen erzähle, kann ich an der Stelle immer sehen, wie im Publikum viele Köpfe zustimmend zu nicken beginnen- auf Grund dieser paradoxen Reaktion sind Hochsensible mit erstaunlicher Krisenfestigkeit gesegnet.  Ein falscher Unterton oder eine zweifelnd hochgezogene Augenbraue mag uns aus der Bahn werfen, aber wenn wir uns in echt dramatischen Situationen finden -und mit ‚echt dramatisch‘ meine ich richtig heftige Szenen wie Naturkatastrophen, Autounfälle oder Familiendramen, wo fast alle Anwesenden die Nerven wegwerfen- in solchen dramatischen Situationen reagieren HSP oft erstaunlich cool. Wir nehmen da vielleicht sogar spontan Führungspositionen ein, übernehmen das Kommando und teilen die anderen ein, „Stop, den Verletzten nicht bewegen! Sie da, gehen Sie bitte ein Pannendreieck aufstellen! Hat schon jemand die Polizei verständigt? Wer hat eine Decke im Wagen um den Verletzten zuzudecken?“ Das können wir, zumindest solange bis ein professioneller Krisenhelfer am Unfallort eintrifft – ein Polizist, Arzt, Feuerwehrmann oder dergleichen, egal ob im Dienst oder nicht.

Der Grund dafür ist, dass der paradoxe Zustand genau für solche Krisen da ist. In Angesicht von Bedrohung für Leib und Leben oder für die Zukunft familiärer Beziehungen -wie beim Beispiel des Familiendramas, wo sich plötzlich alle nur mehr anschreien und Alles auseinander zu fallen droht- ist es gut und richtig, die starken Reize zu ignorieren, und den schwachen Beachtung zu schenken. Die starken Reize, welche alle anderen Anwesenden emotional völlig aus der Bahn werfen, die sind das Drama, die Glassplitter, das Blut, die Zerstörung, oder das Geschrei, das Türenknallen und vielleicht das zerbrochene Porzellan. Die schwachen Reize hingegen, die alle anderen in solchen Situationen aus den Augen verlieren, das ist die leise Stimme der Vernunft, die uns an die Dinge aus dem Erste Hilfe Kurs erinnert, oder die uns ins Bewusstsein ruft, dass dieser Eklat allen Beteiligten morgen leid tun wird. Da hilft uns Pawlows Paradoxe Phase kühlen Kopf zu bewahren, umsichtig zu reagieren, deeskalierend oder vermittelnd zu wirken, und dabei eine ganz eigenartige Ruhe und Klarheit zu erleben.

Aber -und das ist ganz wichtig- die Paradoxe Phase sollte den echten Krisen und Dramen vorbehalten bleiben. HSP laufen in solchen Situationen zu Höchstformen auf, aber es stellt auch eine enorme Belastung für unser System dar. Als Dauerzustand ist ist das keinesfalls gedacht. Wir gefährden sonst unsere Gesundheit, im Extremfall sogar usner Leben – dazu gibt es hier auf der Webseite das Info-Blatt Überstimulation – siehe dazu auf dem Info-Blatt speziell den Punkt ‚Cortisol‘ weiter unten. Und außerdem ist dieser Paradoxe Zustand der erste große Schritt in Richtung Zusammenbruch.

Ich will jetzt nochmal zusammenfassend betonen, dass auch diese subjektiv unangenehmen Zustände ihren Sinn haben können, aber wenn wir uns in normalen Alltagssituationen dabei ertappen, dass wir den Unterton wichtiger nehmen als die Hauptaussage, dann wird es Zeit gegenzusteuern. Das Vertrackte an dieser Situation ist aber, dass auch interne Reize dazu beitragen, dass wir nicht in unserer Mitte sind, dass wir überstimuliert sind und wenn das zum Dauerzustand wird riskieren wir unsere Gesundheit. Wenn wir merken, dass wir uns auch in 3 Wochen Urlaub nicht ausreichend erholen können, dann kann es sein, dass Altlasten aus früher Kindheit dafür verantwortlich sind. Manche Menschen haben sich auf Grund häuslicher Missstände nicht mal als Babies in Ruhe und Sicherheit befunden. Es ist tragisch und traurig, dass sowas immer wieder vorkommt, und im Nachhinein kann man’s nicht ungeschehen machen. Aber in den meisten Fällen kann die konsequente Arbeit mit Seelsorge oder guter Psychotherapie zumindest dafür sorgen, dass der verinnerlichte Dauerstress genügend aufgelöst wird, um Entspannung und Zufriedenheit mit der eigenen Situation möglich zu machen.

Wie der zweite -und letzte!- Schritt vor dem Zusammenbruch ausschaut, welche Formen der Zusammenbruch nehmen kann, was das für Folgen haben kann, und warum wir das vor allem bei den uns anvertrauten Kindern unbedingt vermeiden sollten, und was das Ganze mit Autorität zu tun hat – das werde ich im dritten und letzten Teil dieser Artikelserie besprechen.

Autor: Georg Parlow

 

Literaturhinweise:
Rokhin, L.; Pavlov, I. & Popov, Y. (1963) Psychopathology and Psychiatry. Foreign Languages Publication House: Moscow.
Pavlov, I. P. (1927). Conditioned Reflexes: An Investigation of the Physiological Activity of the Cerebral Cortex. London: Oxford University Press.

6 Gedanken zu „Iwan Pawlow, Hochsensibilität und die Transmarginale Hemmung (2)

  1. Lieber Herr Parlow,

    der Artikel ist sehr interessant, da können sich viele etwas herauslesen.
    Allerdings sollte man Gott dabei außen vor lassen, um sachlich zu bleiben.

    Herzliche Grüße
    Dieter

    1. Lieber Dieter,
      danke für die lobenden Worte und das Feedback!
      Allerdings kann ich nichts Unsachliches darin erkennen, wenn ich mein persönliches Referenzsystem ins Spiel bringe. Wenn die führenden Forscher der Physik (Quantenphysiker, Stringtheoretiker und Vertreter der Branentheorie) sich im Ringen um die „Theory of Everything“ miteinander auseinandersetzen und sich einander inhaltlich annähern, und in diesen Kreisen das Konzept ‚Gott‘ schamlos und völlig sachlich diskutiert wird -wenn in den nach außen dringenden Publikationen auch meist mit anderen Begriffen, um keine Bilder eines alten Mannes mit langem, weißem Bart in den Köpfen der Laien hervorzurufen- bin ich zuversichtlich, dass das sich als unsachliche herausgestellt habende Diktat der Materialisten am Weg Richtung Ausgang befindet.

      Herzliche Grüße,
      Georg

      1. Lieber Georg,
        auch eine Sichtweise;
        ich würde es lieber evolutionstheoretisch einsortieren, da Gott in der Regel mit religösen Aspekten belegt ist.
        Liebe Grüße
        Dieter

  2. Lieber Herr Parlow,
    genau diese Situationen erlebe ich fast täglich. Ich fühle mich fast ununterbrochen in einer einer Art Reizüberflutung. Sowohl über das sg. Wahrnehmungssystem, als auch durch Stimmungen, die permanent mitschwingen.
    In Akutsituationen sind die leisen stillen Reize eher vorteilhaft, weil sie den Weg weisen und mitteilen, wie akut oder dramatisch es wirklich ist, während der Rest drum herum durch die Gegend flattert.
    Allerdings empfinde ich den Rest der Zeit in meinem Job , als permanente Überstimmulation und somit gemäß der Cortisolausschüttung als sehr stressig.

    LG Simone

  3. Vielen herzlichen Dank für diesen Artikel zur Reizüberforderung. In vielen Kontexten, wie zum Beispiel in Krankenhäusern, wird es kaum beachtet. Es denke, es kann einen grossen Einfluss auf die Gesundung haben und ich finde, man sollte das Umfeld so angenehm wie möglich machen. Auch Umlagerungshilfen werden an den Menschen angepasst, warum dann nicht die Zimmer und ihre Einrichtung? Liebe Grüsse

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