allgemein ·Forschung ·Gesundheit

Iwan Pawlow, Hochsensibilität und die Transmarginale Hemmung (1)

Iwan Pawlow, der die Transmarginale Hemmung fand und beschrieb
Iwan Petrowitsch Pawlow

Der russische Physiologe Iwan Pawlow (1849-1936)  war der erste, der im Zuge seiner wissenschaftlichen Forschungen festgestellt hat, 1. dass Menschen unter massiver Stimulation tatsächlich zusammenbrechen, und 2. dass ca. 15-20% der Menschen diesen Punkt bei objektiv merklich geringeren Mengen an Stimuli erreichen. Diesen Punkt des Zusammenbruchs nannte er „Transmarginale Hemmung“. Pawlow sprach zwar nicht von Hochsensibilität, meinte aber, dass diese Menschen „eine fundamental unterschiedliche Art von Nervensystem“ hätten.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit können wir davon ausgehen, dass die amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron, die den Begriff „HSP“ für HochSensible Personen (Highly Sensitiv Person) geprägt hat, recht hat mit ihrer Annahme, dass es sich bei diesem von Pawlow beschriebenen Bevölkerungssegment um die Hochsensiblen handelt.

Das finde ich insofern sehr interessant, weil Iwan Pawlows wissenschaftlichen Versuche eindeutig ergaben, dass die Sensibilität nicht entsprechend der üblichen, statistischen Glockenkurve verteilt ist. Vielmehr gibt es nach seinen Forschungen zwei voneinander klar abgetrennte Normverteilungskurven (siehe unten stehende Abbildung, die meinem Buch Zart besaitet entnommen ist). Das heißt im Klartext, laut Pawlow ist man entweder hochsensibel oder nicht, d.h. er fand eine sogenannte verallgemeinerte Binominalverteilung.

Abbildung aus dem Buch "Zart besaitet"

Erstaunlich ist für mich dabei nicht so sehr die Art der Verteilung dieser menschlichen Eigenschaft. Bei von Genvarianten abhängigen Eigenschaften kommt sowas öfter vor – z.B. beim Rhesusfaktor, da hat man auch entweder Rh+ oder Rh-, Mischformen gibts da meines Wissens nicht. Oder bei der kuriosen Fähigkeit, die herausgestreckte Zunge zu einem Röllchen zu formen – je nachdem ob man bestimmte Gene hat oder nicht kann man’s oder nicht, da gibt es keine Übergänge.

Was mich verblüfft ist, dass die moderne Wissenschaft Pawlows Forschungsergebnisse völlig ignoriert. Dr Michael Pluess, ein Schweizer der an der Queen Mary University in London die Abteilung für Biologische und Experimentelle Psychologie leitet, forscht eifrig zum Thema Hochsensibilität. Über die eine oder andere Sache, die ich in seinem Vortrag am 3. Schweizer HSP-Kongress lernte, werde ich sicher noch berichten. Aber, sofern ich ihn richtig verstanden habe, stützt sich die derzeitige Forschung ausschließlich auf Befragungen. Das heißt, die in der nächsten Grafik von Pluess festgestellten Ergebnisse beruhen auf den subjektiven Selbsteinschätzungen der Teilnehmer:

Normalverteilung der Seisibilität laut Michael Plüss von der Queen mary Universität in London
Normverteilung der Sensibilität, entnommen der Powerpoint Präsentation von Michael Pluess (copyright ist bei ihm)

Und das verblüfft mich wirklich. Denn ich denke es liegt auf der Hand, dass die Ergebnisse subjektiver Bewertungen keine objektiv verlässlichen Vergleiche erlauben. Ein Beispiel dafür wäre der World Happiness Report, eine Studie zum Glücksgefühl, die seit 2012 weltweit durchgeführt wird. Die Studie ergab, dass die Dänen 2012, 13 und 14 das glücklichste Volk der Welt waren. Was einige Leute erstaunte, gehört doch der pro-kopf Konsum von Alkohol, Zucker und Antidepressiva in Dänemark zu den drei höchsten auf der Welt. Bis dann ein dänischer Semantiker und Linquistiker eine Abhandlung veröffentlichte darüber, dass „lykken“(das dänische Wort für glücklich) eine geringfügig andere Bedeutung hat, wie das deutsche „glücklich“ oder das englische „happy“, und zwar lehnt es sich mehr in Richtung „Genuss“. Es hat eben nicht jedes Wort einer Sprache eine exakte Entsprechung in einer anderen, auch wenn bei jedem Wort im zweisprachigen Wörterbuch eine Übersetzung steht.

Deshalb erstaunt es mich, dass bei Dingen wie die Intensität von Empfindung nicht mit objektiveren Methoden geforscht wird. Denn niemand weiß ja, wie sich ein anderer Mensch wirklich fühlt – wir können nur unsere eigenen Empfindungen mit dem vergleichen, die wir in die anderen hinein interpretieren auf Grund dessen, was sie zeigen oder sagen. Und außerdem spielt Selbstbild eine Rolle. Ein gutes Beispiel dafür ist eine 2014 durchgeführte Studie  bezüglich der unterschiedlichen Emotionalität von Männern und Frauen. Die subjektive Befragung ergab, dass Männer weniger emotional sind (d.h. sich als weniger emotional sehen!) – aber wenn den Versuchspersonen emotionale Videoclips gezeigt wurden, während ihre emotionale Reaktion physiologisch gemessen wurde (a la Lügendetektor), stellte sich heraus, dass Männer emotional stärker reagierten (das aber weniger nach außen zeigen).

Es kann doch nicht so schwer sein, mit ähnlichen Versuchsanordnungen, die nicht von der subjektiven Bewertung der Teilnehmer*innen abhängig sind, die Verteilung der Empfindsamkeit in der Bevölkerung zu untersuchen, ohne dafür Menschen bis zum traumatischen Zusammenbruch zu treiben (was gemäß der heutigen Gesetzeslage und Haftungseinstellung wahrscheinlich gar nicht mehr möglich wäre – Gott-sei-Dank!). Klar, dass es einfacher ist Fragebögen zu verteilen, und echte Objektivität lässt sich oft schwer erreichen, aber zumindest könnte man erwarten, dass körperliche und speziell neurologische Reaktionen verglichen werden, und nicht nur subjektive Meinungen und Selbsteinschätzungen.

Bis zum nächsten Mal!
Georg Parlow

Literaturhinweise:
Rokhin, L.; Pavlov, I. & Popov, Y. (1963) Psychopathology and Psychiatry. Foreign Languages Publication House: Moscow.
Pavlov, I. P. (1927). Conditioned Reflexes: An Investigation of the Physiological Activity of the Cerebral Cortex. London: Oxford University Press.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.