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Iwan Pawlow, Hochsensibilität und die Transmarginale Hemmung (3)

Im ersten Teil dieser Reihe über die Transmarginale Hemmung haben wir die Bedeutung Iwan Pawlows und die Relevanz seiner Forschungen im Zusammenhang mit Hochsensibilität behandelt. Im zweiten Teil ging es um Überstimulation, bzw. um das erste von zwei Stadien, die uns zeigen, dass wir uns der Transmarginalen Hemmung nähern. In diesem dritten und letzten Teil wollen wir uns anschauen, wo es hinführt wenn die Überstimulation weiter zunimmt und noch stärker wird. Und ich werde die letzte Phase besprechen: welche Formen nimmt die Transmarginale Hemmung, und was für Folgen haben solche Zusammenbrüche. Und wie das Ganze mit der elterlichen Autorität zusammenhängt.

Vorausschicken möchte ich noch, dass Pawlow von zwei verschiedenen Stadien spricht, so als wäre eine klare Grenze dazwischen. Meiner persönlichen Meinung und Erfahrung nach ist es nicht so, dass das eine aufhört und das andere anfängt, sondern dass die Merkmale des fortgeschritteneren Stadiums zu den bereits vorhandenen hinzu kommen.

Wenn sich jemand bereits im Paradoxen Zustand befindet, in dem auf schwache Reize stark reagiert wird, starke Reize jedoch kaum Reaktionen hervorrufen, und die Stimulation weiter zunimmt, kommt es früher oder später unweigerlich zur Steigerungsform, die der russische Physiologe die Ultraparadoxe Phase genannt hat. Ultra heißt im Duden  „in höchstem Maß, extrem, äußerst“, paradox bedeutet „widersinning, widersprüchlich“. Und so ist es tatsächlich: zu der ohne Erklärungen kaum verständlichen Eigenart, auf Reizintensitäten umgekehrt proportional zu reagieren -das heißt: wenn das eine zunimmt, nimmt das andere ab- kommt jetzt noch hinzu, dass „angenehme Reize als unangenehm, und unangenehme als angenehm erlebt werden“. Zumindest ist das die Formulierung in der Literatur. In meiner Erfahrung wäre es richtiger zu sagen: „… dass Unterbrechung der laufenden Aktivität, Erholung oder Entspannung als bedrohlich erlebt werden, die Weiterführung des unangenehmen Reizes, der uns an diesen Punkt gebracht hat, jedoch als vorrangig erachtet wird“.

Auf den ersten Eindruck klingt das ziemlich verrückt. Mit Hilfe eines Beispiels wird es sicher leichter nachvollziehbar. Stellt euch eine große, aufregende Familienfeier vor, zum Beispiel eine Hochzeit. Es ist ein tolles Event, man sieht viele Menschen, die man schon länger nicht getroffen hat, und alle sind herausgeputzt und aufgekratzt. Es gibt auch eine Schar Kinder jeden Alters, von denen vielleicht einige mit entfernteren Cousins und Cousinen konfrontiert sind, die sie noch nie gesehen haben, und sowieso die junge Nachkommenschaft der anderen Familie, die ja jetzt zu angeheirateten Verwandten werden obwohl sie noch keiner kennt – und alles ist furchtbar aufregend. Nach den Zeremonien gibt’s die Hochzeitstafel und es gibt Kuchen ohne Ende und alles ist paradiesisch. Sobald der Hunger gestillt und der superformale Teil vorbei ist, finden die Kinder schnell zueinander, und entwickeln ihr eigenes Biotop, vertieft in Spiele wie in einem Paralleluniversum, das wie eingeflochten ist in die Welt der Erwachsenen und sich teilweise auch unter den Tischen, in der Restaurantsküche und anderen Bereichen befindet, die den Großen nicht zugänglich sind. Die Erwachsenen sind froh, dass die Kleinen so problemlos sind und eine gute Zeit haben, und vertiefen sich ihrerseits in soziale Aktivitäten.

Stellt euch bitte weiter vor, dass das ein paar Stunden so dahingeht – viele Kinder, kaum Beaufsichtigung, alles neu, das abenteuerliche Entdecken und In-Besitz-Nehmen einer eigenen, teilweise geheimen Welt, Musik, rundum lächelnde Erwachsene in ihren besten Kleidern, Süßes bis zum Abwinken, kein Wölkchen trübt den Himmel. Ja. Bis dann zu etwas fortgeschrittener Stunde eine Mama oder ein Papa vielleicht gerade selbst eine kleine Pause braucht und in Ruhe wo am Gang oder in der Lobby steht, und es zieht gerade eine Kinderschar vorbei, ins Spiel vertieft von A nach B. Und erschrocken stellen sie fest, dass der Sprössling gar nicht so aussieht, als ob er Spass hätte, im Gegenteil. Glasige Augen, angestrengter oder gehetzter Blick, Stirn und Mund angespannt – man muss kein Psychologe sein um auf einen Blick zu erkennen, dass das anfängliche Vergnügen inzwischen in puren Stress umgeschlagen ist. Das Kind ist völlig überlastet und überreizt.

Alle Mitlesenden mit Kindern wissen, die anderen können sich’s wahrscheinlich vorstellen, dass in so einem Moment jeder elterliche Vorschlag, 10 Minuten Pause zu machen und sich ein bisschen zu erholen -der Abend ist ja noch lange- auf heftige Gegenwehr stoßen wird. Oder eigentlich nicht mal Gegenwehr – das Kind wird diesen Eingriff in seinen Ablauf einfach ignorieren und weiterlaufen wie eine Maschine. Und wenn sich der Elternteil dem Kind so in den Weg stellt, dass Ignorieren nicht mehr möglich ist, wird es sich wehren als wäre es bedroht. Mit großer Intensität und Dringlichkeit wird es vermitteln, dass das jetzt unmöglich geht, dass es ganz, ganz wichtig ist, in diesem anstrengenden Tun zu bleiben. Klarer Fall von ultraparadoxer Phase.

Ein Beispiel aus der Erwachsenenwelt, das ich aus eigener, schmerzlicher und peinlicher Erfahrung kenne, sind Überlandfahrten, speziell bei Schlechtwetter. Wenn ich bei langen Autofahrten ausreichende Pausen nicht einplane und diszipliniert einhalte, dann komme ich in einen ähnlichen Zustand. Am leichtesten passiert mir das, wenn es stark regnet – da plane ich vielleicht sogar die Pausen ein, aber in meinem normalen Rhythmus, nicht bedenkend, dass mich das Fahren mit schlechter Sicht, mit vor mir hin und her huschenden Scheibenwischern, und mit dem Wissen um die verlängerte Bremswege und erhöhte Unfallgefahr viel rascher ermüde. Dann kommt vielleicht noch Terminstress hinzu, weil ich wetterbedingt langsamer fahre und dadurch mit meiner Zeitplanung durcheinander komme – also zusätzlicher Entscheidungsstress zwischen mehr Pausen, weil ich schneller erschöpft bin, und weniger Pausen um die Verzögerung wett zu machen.

Diese Kombination aus verschiedensten Arten von Belastung führt bei mir in wenigen Stunden zu einem Zustand, der dem des oben beschriebenen Kindes auf der Hochzeit um nichts nachsteht. Angespannt, angestrengt, Tunnelblick, nur keine Pause (gerechtfertigt mit „ich bringe das schnell hinter mich“), weiter, weiter, weiter. Klarer Fall von ultraparadoxer Phase, Iwan Pawlow lässt grüßen. An diesem Punkt hilft mir nur das Wissen um die Gefährlichkeit und Verantwortungslosigkeit meines Tuns, das unmenschlich groß scheinende Maß an Disziplin aufzubringen, meine schlechte bzw. nicht mehr situationsgemäße Planung über den Haufen zu werfen und eine Pause zu machen, die lange genug ist um wirklich Erholung zu bringen. Oder es braucht eine Beifahrer der fähig und willens ist, sich entgegen meiner anfänglichen Sturheit und Widerspenstigkeit durchzusetzen, und mich zu dem zwingt wonach ich mich im Grunde sehne. Extrem widersinnig – ultraparadox eben.

Aber wie ich auch für den paradoxen Zustand argumentierte, so so bin ich überzeugt dass auch dieses so destruktiv scheinende Verhalten nicht zu unserer Belastung, sondern zu unserem Schutz in uns hinein gelegt wurde. Aber bevor ich zu diesem Punkt komme, noch ein kurzer Blick darauf, wie es denn weiter geht jenseits der ultraparadoxen Phase. Wie müssen wir uns die transmarginale Hemmung vorstellen, was heißt denn das in der Praxis?

Transmarginal heißt ‚über den Rand hinaus‘, und Hemmung beschreibt einen Zustand, wo etwas schwerer oder nicht geht – zusammen beschreibt es einen Zustand, wo auf Grund einer überwältigenden Reizmenge gar nichts mehr geht. Ein Zusammenbruch, herbeigeführt durch ein Übermaß an Eindrücken -egal ob zu viele, zu intensive, zu andauernde, zu widersprüchliche, oder eine Kombination davon. Und je nach Art der Überladung und vielleicht auch teilweise von Person zu Person verschieden, können wir drei Ausprägungen dieses erzwungenen Zusammenbruches beobachten:

  • Ein panisches und unwillkürliches Einnehmen einer embryonalen Schutzstellung, mit gleichzeitig krampfartigem Anspannen aller Muskeln, und eventuell Pressen der Hände auf die Ohren oder Augen, je nachdem welches Sinnesorgan am stärksten gequält wurde, gelegentlich begleitet von unkontrollierbarem, „hysterischem“ Schreien. Diese Reaktion tritt am ehesten bei Überladung durch Reizintensität auf (zu laut, zu grell, zu heiß/kalt, etc).
  • Ein inneres Wegtreten, fast wie eine Art temporäres Wachkoma – wobei es sich dabei medizinisch wohl um den sogenannten Stupor handelt. Die Augen sind offen, scheinen aber nichts wahrzunehmen, und es sind entweder gar keine Reaktionen auf optische oder akustische Informationen zu erkennen, oder -in leichteren Fällen- nur stark verzögerte motorische Reaktionen, ohne erkennbare emotionale oder kognitive Reaktion. Diese Reaktion findet sich vor allem bei Schock durch Unfälle oder durch extreme Überforderung der Empathiefähigkeit, z.B. wenn Menschen durch Verbrechen, Kriegsgräuel oder durch Naturkatastrophen mitansehen müssen, wie entweder nahestehende oder viele Menschen leiden müssen oder gar ihr Leben verlieren.
  • Bewusstlosigkeit – der Körper zieht den Stecker, und der Mensch fällt in Ohnmacht, medizinisch wird das Sopor oder Präkoma  genannt. Diese Form der transmarginalen Hemmung tritt vor allem dann auf, wenn die Nerven durch lange anhaltende körperliche Aktivitäten und emotionale Erregung überlastet werden – egal ob ursprünglich angenehme oder unangenehme Reize im Spiel sind.

Wir sehen, dass alle drei Formen der transmarginalen Hemmung deutliche Anzeichen eines akuten Traumas darstellen. Keine Re-Traumatisierung, also das ebenfalls als traumatisch erlebte erinnert Werden an ein früheres Trauma, durch Wiederholung in schwächerer Form bzw. durch das Auftreten einiger der Elemente des ursprünglichen Traumas. Es handelt sich viel mehr um eine durch die zur transmarginalen Hemmung führende Be- und Überlastungssituation verursachte Verletzung der psychischen, emotionalen und wahrscheinlich auch der neuronalen Integrität der betroffenen Person. Ein Trauma dieser Art hat lange anhaltende Auswirkungen auf die psychische und emotionale Gesundheit. Die Schwere einer solchen Beeinträchtigung wird von vielerlei Faktoren abhängen, aber verlässlich können wir sagen, dass die daraus resultierende Vulnerabilität oder weitere Störungen stärker werden, je öfter so etwas passiert.

Manche fragen sich jetzt vielleicht, was denn nun sinnvoll oder gar zu unserem Schutz gedacht sein soll an einem Mechanismus, der uns, sobald er erst mal eingerastet ist, auf einen traumatischen Zusammenbruch hinsteuern lässt? Dabei ist die Antwort gar nicht so schwer zu finden: immer dann, wenn das Achten auf unsere Grenzen (also Pause machen, uns regenerieren…) eine noch größere Gefahr darstellt, als das durch den riskierten Zusammenbruch verursachte Trauma. In unserer Entwicklungsgeschichte können wir uns da Szenarien vorstellen wie die Flucht vor Vulkanausbrüchen oder Waldbränden, das stunden- und tagelange Bekämpfen von Bränden oder Überschwemmungen, oder das sich über Tage hinziehende Verteidigen gegen Fressfeinde (z.B. ein hungriges Wolfsrudel) oder gegen Horden menschlicher Aggressoren, die aus Hunger oder anderweitig verursachter Verzweiflung nicht locker lassen. In jüngerer Geschichte gab es da den Einsatz im Krieg (der ja im Ursprung ein Eintreten für Nahrung oder Sicherheit der eigenen Familie oder Sippe war), die Flucht vor heranziehenden Kriegshorden, oder die durch Vertreibung oder Zwangsumsiedlung bewirkten Märsche über viele hundert Kilometer, oft mit Kindern am Arm und dem notwendigsten Hab und Gut auf Handkarren. Oder wenn vor dem Wintereinbruch noch Ernten einzubringen oder andere Vorkehrungen zu treffen waren, die einen selbst und die Familie oder das Dorf davor bewahren sollten, dass mitten im Winter die Vorräte ausgehen oder andere Kalamitäten das Überleben bedrohen. In allerjüngster Vergangenheit müssen wir nur an die Migranten denken, die über die Balkanroute aus dem kriegsgeschüttelten Zweistromland im Nahen Osten nach Mitteleuropa flohen.

In solchen Extremsituationen, die viele Menschen zum Glück nie erleben müssen, bewahrt der Mechanismus der ultraparadoxen Phase davor, dass diese Menschen aufgeben und damit den drohenden Tod riskieren. So wie die paradoxen Verhaltensmuster den seltenen Unfällen, Unglücken und anderen Dramen vorbehalten bleiben sollen, ist es noch wichtiger, dass die noch stärker belastende ultraparadoxe Phase für das Ausdauer erfordernde Abwenden von noch viel selteneren, das Leben unmittelbar bedrohenden Ereignissen reserviert bleibt. [Bitte lies diesen kleinen Absatz gleich nochmal, das ist die wichtigste Botschaft dieses Beitrags.]

Zurück zu dem Elternteil mit dem völlig überdrehten Kind auf der Hochzeit in dem oben beschriebenen Beispiel. Ich denke wir können uns vorstellen, wie das in den meisten Fällen weitergeht. Wenn das geliebte Kind mit gehetztem Gesichtsausdruck und fast panisch beschwörender Intensität erklärt, dass es jetzt unbedingt weiter spielen muss, dann werden die meisten Eltern -mit mindestens 50%-iger Wahrscheinlichkeit selbst HSP und schon am Rande der Aufnahmefähigkeit, vielleicht unüblich locker durch den Einfluss guten Weines- das hochsensible Kind achselzuckernd seinem Schicksal überlassen. Das umso mehr, als es auf Grund seiner ausgeprägten Sensibilität normalerweise sehr gut spürt, wenn ihm etwas nicht gut tut, und das für sein Alter auch sehr klar kommunizieren kann.

Wenn der von leisen Gewissensbissen geplagte Elternteil dann den Partner darauf anspricht, der gerade in Superstimmung in angeregter Unterhaltung ist, fallen vielleicht Sätze wie „lass dem Kind doch seinen Spaß“, „das ist doch eine Ausnahme“, oder falls das schon öfter vorkam, „du weißt doch, wenn er wirklich müde ist schläft er eh ein“.

Wenn das Kind Glück hat, dann visiert es eine Kurve schlecht an oder duckt sich nicht tief genug, und knallt mit dem Kopf gegen einen Tisch oder Türstock. Dann kommt es weinend zu den Eltern, und weint sich dort in den dringend benötigten Schlaf. Wenn das Kind Pech hat, dann passiert nichts was es zwingt, eine Pause zu machen und ihm die Chance gibt, gerade noch rechtzeitig die Kurve in den rettenden Schlaf zu kriegen. Es macht dann weiter und weiter und irgendwann „schläft es eh ein“ – unter einem Tisch oder irgendwo am Rand des Trubels finden die Eltern dann das transmarginal gehemmte Kind im Tiefschlaf. Weil es zu weit über den Rand seiner Belastbarkeit hinaus gegangen ist, wird durch diesen hemmenden Mechanismus das Ärgste vermieden.

Das Kind ist dann auch nicht mehr wach zu kriegen durch das Aufheben, Verfrachten ins Auto und dann zuhause Ausziehen und ins Bett legen – es schläft wie bewusstlos. Das Kind ist bewusstlos. Das Kind liegt -wie oben erwähnt- im Präkoma.

Welche Auswirkungen ein solches Trauma auf das hochsensible Nervensystem hat wissen wir nicht, aber sicher keine guten. Wie an einer Stelle in dem Artikel Hochsensibilität und Temperament erwähnt, haben Dr. Michael Plüss und Dr. Elaine Aron in gemeinsamen Studien bewiesen, dass HSP sowohl von förderlichen als auch von schädigenden Erlebnissen stärker und nachhaltiger beeinflusst werden. (Ich nehme mir hiermit vor, zu diesem Thema einen eigenen Blogbeitrag zu schreiben.) Ein solcher Zusammenbruch ist definitiv ein schädlicher Einfluss.

Selbst Erwachsene haben es schwer, sobald sie die ultraparadoxe Phase erreicht haben, diese aus eigener Kraft zu unterbrechen und sich der Erholung zuzuwenden. Kindern ist es nahezu unmöglich, diese Disziplin aufzubringen. Kinder sind in solchen Fällen auf Hilfe von außen angewiesen – es gibt Situationen, in denen wir unsere hochsensiblen und üblicherweise sehr vernünftigen Kinder vor sich selbst beschützen müssen, oder besser gesagt: vor dem Mechanismus, der in ihnen am Wirken ist. Zugegebener Maßen haben es Eltern schwer in einem Zeitgeist, der autoritäres Verhalten ablehnt, speziell wenn es vielleicht sogar physische Gewalt benötigt, um das Kind an der Fortführung des selbstschädigenden Verhaltens zu hindern.

„Physische Gewalt“ klingt schon so bedrohlich – aber bitte versteht mich nicht falsch, ich meine auf gar keinen Fall, dass man das Kind durch verletzende Gewalt (Schläge oder irgend eine Form von Schmerzzufügung) zwingt, gehorsam zu sein und eine Erholungspause einzulegen. Was ich hier jedoch Eltern dringend empfehle, ist ihre körperliche Überlegenheit einzusetzen und den kleinen Körper sanft aber bestimmt zu umarmen und daran zu hindern, weiter herumzulaufen. Sowas erfordert Liebe für das Kind, Mut im Sinne von Initiativkraft, viel Aufmerksamkeit in der Durchführung, und last but not least Tapferkeit im Sinne von Bereitschaft, Widrigkeiten auf sich zu nehmen. Und Widrigkeiten wird es geben -garantiert den Widerstand und die emotionale Zurückweisung durch das Kind, und mit hoher Wahrscheinlichkeit seltsame Blicke, eventuell Bemerkungen oder sogar aktives Einschreiten von Verwandten/anderen Hochzeitsgästen. Und als wäre das nicht schon genug, braucht es die menschliche Größe, das Kind in seiner Verzweiflung (es ist ja bedrohlich, in der ultraparadoxen Phase nicht weiter zu machen), seinem Seelenschmerz (es ist demütigend, wenn einem die Selbstbestimmung über den eigene Körper entzogen wird) und in seiner gegen uns gerichteten Verachtung („gemeiner Papa, ich mag dich nicht mehr!“) zu begleiten und ihm mit offenem Herzen ganz nah zu bleiben in diesem herausfordernden Moment.

Die Gewaltfreie Kommunikation kennt das Konzept der schützenden Gewalt im Gegensatz zur verletzenden Gewalt. So ein Konzept ist schon hilfreich, aber die praktische Anwendung will trotzdem geübt sein – und leicht wird es nie, ein Kind in der oben beschriebenen Weise vor sich selbst oder vor seinem eigenen, destruktiven Verhalten zu schützen. Aber es ist ein nicht unerheblicher Teil der Elternschaft, für die körperliche, emotionale und geistige Unversehrtheit unserer Kinder zu sorgen, so gut wir das vermögen. Ich habe selbst als Vater nahezu alle Fehler gemacht, die man sich nur vorstellen kann, und noch einige mehr – ich weiß dass Fehler unvermeidlich sind. Trotzdem sind wir aufgerufen, unser Bestes zu geben. Immer wieder neu.

Deshalb, liebe Eltern kleiner, hochsensibler Kinder, bitte besprecht diese Inhalte vor dem nächsten abendfüllenden Familienfest, und beschließt im Vorhinein eine Vorgehensweise. Und dann haltet euch dran, auch wenn’s schwer fällt. Und es wird schwer fallen.

Puh, das wurde ein langer Beitrag, aber der Schutz der Kinder im Allgemeinen und der der hochsensiblen Bambini im Speziellen liegt mir sehr am Herzen. Ich weiß, dass ich hier ein heikles Thema angerissen habe -das heißt, sogar mehrere Themen. Die Artikelserie über die Transmarginale Hemmung ist hiermit zu ende, aber einige der Themenbereiche, die ich in diesem Beitrag nur streifen konnte, werde ich in Zukunft sicher noch genauer betrachten. Bis dahin freue ich mich über niveauvolle Kommentare. Apropos Kommentare – falls du jetzt ganz aufgeregt sein solltest, und dir unbedingt deine Emotionen von der Seele schreiben willst, bitte ich dich, dir zuerst den Beitrag nochmal langsam und in Ruhe durchzulesen, und erst dann einen wohl überlegten Kommentar zu schreiben.
Danke und bis bald!

Autor: Georg Parlow

 

Iwan Pawlow, Hochsensibilität und die Transmarginale Hemmung (1)

Iwan Pawlow, Hochsensibilität und die Transmarginale Hemmung (2)

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