allgemein ·Hochsensible Kinder

Optimale Betreuung – gibt’s das?

Im Beitrag Hochsensibilität und Temprament wurde dargestellt, wie sich für hochsensible Kindern (und nur für diese) der Unterschied zwischen einer ‚eh ganz guten‘ Betreuung, und einer optimalen Betreuung auswirkt. In einem Wort: dramatisch! Die den HSP zugeschriebene Eigenschaft, dass sie mit Veränderungen und mit Neuem, das in ihr Leben kommt, nicht so gut umgehen könnten, dass sie gerne mehr Zeit haben, um sich auf Neues einzustellen – die Forschungen des inzwischen emeritierten Entwicklungspsychologen Jerome Kagan zeigen, dass hochsensible Kinder (bei Kagan: reizoffene Babies, die später zu gehemmten Kindern heranwachsen) diese Eigenschaft nur zeigen, wenn sie davor suboptimal betreut worden sind. Nach nur 1,5 Stunden optimaler Betreuung verarbeiteten diese Kinder Veränderungen exakt gleich schnell, wie nicht hochsensible Kinder.

Ich habe dort auch gesagt, dass wir Hochsensiblen da einen sehr hohen Anspruch haben, einen Anspruch, der sich in der realen Welt da facto nicht erfüllen ließe – aber ist es deswegen ein neurotischer, da unerfüllbarer Anspruch? (Denn eine der Definitionen von Neurose lautet, „Neurose ist das Unmögliche wollen“.) In den folgenden Zeilen werde ich berichten, wo ich diesen hohen Anspruch erfüllt gefunden habe, und erklären, warum ich nicht diesen Anspruch (der hochsensiblen Kindern ja angeboren ist), sondern unsere heutige Lebensweise für unnatürlich halte.

Nochmal zur Erinnerung, das was ich als ‚optimale Betreuung‘ bezeichnet habe, war dass die Kleinkinder ständig die wohlwollende Aufmerksamkeit einer Betreuungsperson genossen, jedoch ohne dass diese Person ungefragt ‚hilfreich‘ eingriff ins Tun des Kindes, es sei denn sein Schutz vor physischer Verletzung erforderte es. Das heißt das Kind wurde ‚gehütet wie ein Augapfel‘, aber nicht einschränkend überbehütet. Sowas kann man getrost als Vollzeitbeschäftigung bezeichnen, weil das so viel Achtsamkeit erfordert, dass man daneben nichts anderes tun kann.

Wo mag es sowas geben? Ja ok, im Haushalt von Royals oder anderen Milliardären ist sowas denkbar, sofern das Bewusstsein dafür bei den Eltern vorhanden ist. Aber wenn alle hochsensiblen Kinder so eine Intensität der Zuwendung in den ersten paar Lebensjahren vielleicht nicht ständig, aber doch über große Strecken benötigen, um sich zu achtsamen und feinfühligen, aber ungehemmten Erwachsenen zu entwickeln, dann muss es das auch in unserer Entwicklungsgeschichte gegeben haben, wage ich mal zu behaupten.

Ich habe natürlich keinen Beweis für diese Hypothese, weil Zeitreisen noch nicht erfunden sind. Aber im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass wir unsere Vergangenheit beobachten können bei den sogenannten „Primitivgesellschaften“, also Volksgruppen, die erst vor kurzem mit der Zivilisation bekannt wurden. Meine persönlichen Erfahrungen mit einer Gesellschaft, die erst 1774 den ersten Kontakt mit Metall hatten, und wo 1830 der erste Missionar landete, und die nach wie vor teilweise sehr archaische Regeln und Alltagspraktiken hat, sammelte ich 1986 und 87 auf den Fidschi Inseln. Den Großteil meines fast ein Jahr dauernden Aufenthalts in diesem Tropenparadies verbrachte ich mit den melanesischen Ureinwohnern in einem ihrer Dörfer auf der zweitgrößten Insel Vanua Levu.

Mit auf dieser Reise, und somit auch mit in dem fidschianischen Dorf, waren meine damalige Frau und unser gemeinsamer Sohn Daniel. Der Bub war noch nicht ganz ein Jahr alt, als wir die Insel erreichten, und hat somit fast sein gesamtes zweites Lebensjahr in dem Dorf Nabavatu verbracht. Weil ich selbst auch den Großteil der Zeit entspannt im Dorf sitzend und plaudernd verbrachte, konnte ich eine andere Art der Kinderbetreuung beobachten. Eine Art, die der von Jerome Kagan in seinem Experiment eingesetzten Optimalbetreuung sehr nahe kam.

Ein Faktor der da eine Rolle spielte, war dass der Großteil der erwachsenen Bevölkerung die meiste Zeit im Dorf verbrachte. Nur sehr wenige Dorfbewohner gingen einer Erwerbsarbeit nach und pendelten täglich oder wöchentlich zu externen Arbeitsstätten. Es gab schon in jedem Clan einige jüngere Leute, die Geld verdienten, aber die lebten und arbeiteten meist in Australien oder Neuseeland und unterstützen ihre daheim gebliebenen Verwandten durch regelmäßige Geldsendungen.

Das Leben im Dorf war damals (das ist ja nun auch schon über 30 Jahre her) noch immer von der Subsistenz geprägt – also der Selbstversorgung der Großfamilien durch Gartenenbau, Fischerei und dem Sammeln von wilden oder halbwilden Früchten und Nüssen. Zusammen mit den Geldsendungen, die v. a. für Zucker, Tee, sonntägliches Weißbrot, Brennstoff für die Kerosinlampen und Batterien für die Radios ausgegeben wurden, war es ein entspanntes Leben mit wenig Mühen auf dieser fruchtbaren, vulkanischen Insel in dem tropisch-ozeanischen Klima, mit seinen gleichmäßig warmen Temperaturen und Niederschlägen rund um’s Jahr.

Das heißt, die im Dorf spielenden kleinen Kinder wurden nahezu immer von aufmerksamen und wohlwollenden Erwachsenen beobachtet, die meist in kleinen Gruppen oder zu zweit im Schatten saßen und plauderten. Auch die Männer sind in Fidschi sehr kinderlieb und fürsorglich mit den Kindern, und nehmen bei Bedarf jeden Knirps auf den Arm, und tragen ihn auch mal eine Stunde mit sich rum.

Und dann sind diese Gruppen von spielenden Kindern ja nicht altershomogen wie im Kindergarten. Es sind immer auch ältere Kinder dabei – und vor allem die 8 bis 12-jährigen Mädchen schienen ihren Mangel an Puppen und anderem Spielzeug dadurch wettzumachen, dass sie sich den ganz Kleinen widmeten und auf sie achteten. Darüber hinaus sind die Fidschianer -oder zumindest waren sie das damals- sehr aufmerksame Menschen. Sie leben stark im Hier und Jetzt und nehmen wahr, was rund um sie vorgeht.

Ich habe diese entspannte Aufmerksamkeit damals darauf zurück geführt, dass die Menschen in einem natürlichen Umfeld aufwuchsen, ohne die Reizflut der vielen Dinge, und ohne die vielen Ablenkungen des Konsums und ohne die vielen fremden Menschen rundum. Handys gab es damals auch noch keine. Und diese Aufmerksamkeit kam den Kindern im Dorf natürlich zugute. Aber heute denke ich mir, dass diese Fähigkeit und ihre entspannte Präsenz ohne in den eigenen Gedanken über Vergangenheit und Zukunft zu versinken, vielleicht genau in dieser Art des Aufwachsens unter (fast) ständiger, fürsorglicher und wohlwollender, aber auch entspannter und gewähren lassender Aufmerksamkeit dazu geführt hat, dass sie so waren. Ein positiver Kreislauf, der sich selbst speist und solange funktioniert, wie sich die äußeren Lebensbedingungen nicht ändern.

 

Autor: Georg Parlow

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