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Regretting Motherhood. Wenn hochsensible Mütter an die Grenzen ihres Mutterseins kommen

Wenn mir früher als Kinderlose jemand prophezeit hätte, dass ich als Mutter über Jahre täglich mit meinem Muttersein hadern würde, ich hätte es niemals für möglich gehalten. Damals, als ich mir aus tiefstem Herzen zwei Wunschkinder in mein Leben träumte und mir absolut sicher war, dass unser eigener Nachwuchs nicht nur eine Bereicherung für unsere Familie sei, sondern vor allem die sinngebende Ergänzung in meinem eigenen Leben. Damals wusste ich auch noch nicht, dass ich hochsensibel bin.

Hochsensibel zu sein bedeutet, Reize in Form von Sinneswahrnehmungen und Stimmungen weit weniger gefiltert als Nicht‐Hochsensible, wahrzunehmen. Es ist die Aufgabe einer jeden hochsensiblen Person, gut für sich zu sorgen, achtsam die eigenen Grenzen zu erspüren und Pausen bei Überreizung einzulegen. Doch dies ist als hochsensible Mutter fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wo kinderlose Hochsensible in ihrem Alltag schon oft an ihre Grenzen kommen, ist die Gefahr bei hochsensiblen Eltern groß, in einer permanenten Überforderung festzustecken und ihr Leben als Dauerstress wahrzunehmen.

Babys und (Klein‐)Kinder sind in der Regel laut und ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Das ist nun mal so, aber für mich als hochsensible Mutter bringt mich dieser gefühlte Endloszustand mehrmals täglich an meine Belastungsgrenze und darüber hinaus. Dann wünsche ich mir manchmal mein Leben ohne Kinder zurück, obwohl ich meine beiden Söhne über alles liebe. Nur, dass das Eine eben ohne das Andere nicht geht: kinderlos leben und die geliebten Kinder haben.

Natürlich, es gibt auch die schönen Seiten des Mutterseins! Wenn ich mit meinen Kindern über irgendetwas herzhaft lachen kann oder wir zusammen spannende Geschichten lesen und uns gegenseitig auf dem Spielplatz Sandkuchen backen. Leider wiegen diese Momente all die Fremdbestimmtheit und den täglichen Stress nicht wieder für mich auf.

Fremdbestimmtheit. Das Gefühl, von dessen Existenz ich zuvor nicht gewusst hatte, traf mich vom ersten Moment an, da mein Ältester vor sechs Jahren das Licht der Welt erblickte. Statt Freudentränen übermannte mich die Gewissheit, von nun an vierundzwanzig Stunden am Tag von den Bedürfnissen eines anderen Menschen gelenkt zu werden. Mein eigenes Ich schien zu verblassen, meine Bedürfnisse verschwanden hinter den Gittern eines selbstgebauten Gefängnisses.

Ich glaube der Gedanke die Mutterrolle zu bereuen, rührt gerade bei Hochsensiblen daher, dass sie sich viel zu oft überfordert fühlen. Sei es durch Erwartungen seitens der Familie, ihrer eigenen Perfektion geschuldeten Ansprüche oder aber auch durch die gesellschaftlichen Strukturen.

Meiner Meinung nach braucht es noch mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Sowohl für die Hochsensibilität an sich, als auch für das Annehmen von schambehafteten Gefühlen. Keine Mutter sollte dafür verurteilt werden, wenn sie den Schritt, Mutter geworden zu sein, bedauert. Für ihre Gefühle kann sie nichts! Keine Frau wird freiwillig Mutter, um im Nachhinein die Mutterrolle zu bereuen. Es scheint immer noch selbstverständlich zu sein, dass die Mutter die Hauptkümmerin ist (und das bitte ohne Klagen und immer frohen Mutes!). Dass sie den Nachwuchs idealerweise die ersten drei Lebensjahre zuhause betreut (auch, wenn das den absoluten Stress für sie bedeutet) oder ihre Termine verschiebt, wenn das Kind (oder die Tagesmutter) krank ist. Und die hochsensible Mutter somit ihre dringend benötigte Zeit zum Regenerieren mal wieder hintenanstellen muss.

Wie soll eine hochsensible Mama ihr Muttersein genießen können, wenn Körper und Seele permanent ein Zuviel der belastenden Eindrücke melden? Das muss natürlich nicht für jede hochsensible Mutter gelten, aber bei mir war und ist es oft der Fall. Hinzu kommt, dass es hochsensiblen Müttern sehr schwerfällt, sich Zeit für sich selbst einzuräumen, obwohl es so unheimlich wichtig für sie ist! Das hat nichts mit Egoismus, sondern mit gesunder Eigenliebe zu tun! Gerade wenn wir uns um andere kümmern, müssen wir auch gut für uns sorgen.

Hätte ich mir nicht vorher überlegen können, was es heißt, Kinder zu haben? Natürlich macht man sich vorher so seine Gedanken. Aber Gedanken sind etwas anderes als Gefühle. Man kann sich das Leben, wie es sich mit Kindern anfühlen wird, als Kinderloser nur vorstellen, nicht aber vor‐empfinden. Wahrscheinlich sind meine Kinder noch zu jung, als dass unsere Bedürfnisse und Interessen einen gemeinsamen Nenner finden. Ich warte sehnlichst auf die Zeit, in der wir über den Sinn des Lebens debattieren oder wenigstens ein Gesellschaftsspiel in Frieden über die Bühne bringen können, ohne, dass Spielfiguren vor Wut durchs Zimmer fliegen, weil wieder der falsche Mitstreiter gewonnen hat. Mit jedem Tag, den die Kinder älter werden, wird es für mich leichter.

Heute weiß ich, dass ich keine Kinder zur Vervollständigung eines sinnerfüllten Lebens gebraucht hätte. Und dennoch bin ich dankbar dafür, dass alles so gekommen ist, wie es ist und meine Söhne Teil meines Lebens sind. Ohne meine Kinder hätte ich wahrscheinlich nie erfahren, dass ich hochsensibel bin und wie ich das Potenzial dieses Wesenszugs positiv sowohl für mich, als auch für andere nutzen kann. Denn so viel steht fest: Die Welt braucht dringend hochsensible Mütter, die zu ihren eigenen Bedürfnissen stehen können und damit auch ihren Nachwuchs lehren, gut auf sich zu achten. Vielleicht entsteht daraus dann eine Gesellschaft, die zunehmend akzeptiert, toleriert und bewusster ist im Umgang mit Anderen.

 

Autor: Christine
(Christine ist Bloginhaberin von „Pusteblumen für Mama“, dem Mama‐Blog für hochsensible Mütter) 

 

5 Gedanken zu „Regretting Motherhood. Wenn hochsensible Mütter an die Grenzen ihres Mutterseins kommen

  1. Liebe Christine,

    mit deinem Beitrag hast du mir gerade richtig die Augen geöffnet. Ich bin 34 Jahre alt und kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, Mutter zu werden. Habe das aber – warum auch immer?! – bisher nie so wirklich konkret mit meiner Hochsensibilität in Zusammenhang gebracht. Weiß davon aber auch erst seit rund einem Jahr.

    Ich liebe Kinder und sie lieben auch mich – aber so richtig bei mir zuhause und rund um die Uhr … puh! Schon allein beim Anblick des ersten Fotos in deinem Beitrag werde ich ganz unruhig und möchte am liebsten Ordnung schaffen. „Ruhe“ schaffen.

    Also vielen, vielen, VIELEN Dank für deine Zeilen!

    Alles Liebe,
    Claudia

    PS: Ich bewundere dich aufrichtig für das, was du trotz allem schaffst!

    1. Liebe Claudia,

      es freut mich, dass mein Beitrag dir beim dich-selbst-verstehen geholfen hat!
      Ich finde, jede Frau hat auch das Recht, nicht Mutter werden zu wollen (was in unserer Gesellschaft auch nicht immer leicht ist, zuzugeben oder sich einzugestehen), obwohl ich auch keiner Frau davon abraten würde, sich für Kinder zu entscheiden.
      Die große Verantwortung ist dann eben, gut und stetig für sich selbst zu sorgen, was trotz aller Bemühungen für Hochsensible eben nicht immer möglich ist.

      Beim Anblick des Fotos ergeht es mir übrigens auch wie dir 😉

      Ganz herzlichen Dank für dein Feedback und dir auch alles Liebe!
      Christine

    1. Liebe anonyme Mama,

      schön, dass mein Beitrag dir helfen konnte, dich bzw. deine Situation besser zu verstehen. Ich wünsche dir, dass du es dir zukünftig erlauben kannst, noch mehr Auszeiten für dich in deinen Alltag einzubauen, falls das bisher noch zu kurz kommt oder du bislang ein schlechtes Gewissen hast, dir Zeit für dich als Frau zu gönnen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich aufs Wohlbefinden positiv auswirkt, sich lieber täglich mehrere kleine Pausen zu gönnen, als alle paar Monate die Woche Wellnessurlaub.
      Wenn du magst, berichte mir doch bei Gelegenheit einmal auf meinem Blog, wie es dir nach deiner „Erkenntnis“ heute ergangen ist, ich würde mich freuen!

      Alles Liebe dir und viele Grüße
      Christine

  2. Auch von mir ein Danke für diesen ehrlichen Beitrag.
    Genauso geht es mir seit Beginn meiner ersten Schwangerschaft vor 9 Jahren.
    Mit mittlerweile zwei Kindern (6 und 8), meinem Mann, Haus und Garten und einem anstrengendem, verantwortungsvollem 25 Stunden Job bleibt mir seit Jahren zu wenig Zeit für mich und meine Regeneration. Diese fehlt mir extrem. Ich achte häufig zu wenig auf mich und weiß das auch. Deshalb verstehe ich dich gut. In Extremphasen bin ich kurz vorm durchdrehen.
    Liebe Grüße, Dany

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