allgemein

Wirklichkeitsmodelle als Konfliktpotential

Dieser Beitrag ist im Grunde nur eine ultrakurze Zusammenfassung des Buches Gott 9.0 von Tilmann Haberer und dem Ehepaar Küstenmacher. In dem Buch werden die verschiedenen Wirklichkeitsmodelle oder Weltsichten, die von den verschiedenen Menschen vertreten werden, genau betrachtet und gut erklärt. Wenn ich auch manchen Ideen oder Auslegungen in dem Buch kritisch gegenüber stehe, so war es mir doch ein Augenöffner, der mir half viele Konflikte, die ich in meinem Leben und in der Welt beobachten kann, besser zu verstehen. Deshalb möchte ich das hier teilen, vielleicht hilft es ja dem Einen oder der Anderen auch.
Wichtig ist es dabei im Auge zu behalten,
  1. dass es natürlich eine Vereinfachung ist,
  2. dass kaum ein Mensch „paradigmenhomogen“ ist, d.h. in allen Lebensbereichen dem gleichen Welterklärungsmodell anhängt, und
  3. dass sich die Entwicklungen der Weltbilder -so wie andere, z.B. technische Entwicklungen auch- in der gegenwärtigen Zeit sehr rasch vollziehen, und somit viele Menschen in ihrem erwachsenen Leben bereits mehrere der beschriebenen Sichtweisen durchlaufen haben.
Ich werde die einzelnen Sichtweisen, wie wir uns die Wirklichkeit erklären, und was das für Auswirkungen hat, in knappen Worten zusammenfassen. Diesen verschiedenen Weltbildern wurden von den Autoren Farben zugewiesen, das macht es leichter, wenn man sich in einer Unterhaltung darauf bezieht (vorausgesetzt, der andere kennt das Buch auch). Dann kann man beispielsweise sagen „Die Firma, in der ich arbeite, ist ja knall-orange. Aber der neue Personalchef dürfte einen starken, grünen Einschlag haben. Bin neugierig, ob er sich behaupten kann.“
Das danach in Klammer stehende ‚ich‘ oder ‚wir‘ zeigt, in welche Richtung das Pendel gerade stärker Ausschlägt, das zwischen der Bevorzugung des Individuums über das Kollektiv, und umgekehrt des Kollektivs über das Individuum hin und her schwingt.

1.0 Beige (ich)

Thema: EXISTIEREN
Methode: den Tag überstehen
Spannungsbogen: überleben/sterben
Qualität: natürlich-instinkthaft
Evolutionärer Zugewinn: Urvertrauen ins Leben
Typische Akteure: Hilflose, Demente, Sterbende
Spiritualität: Gott als Mutterbrust, als Versorger
Organisationsform: keine
In dieser Phase gibt es kein ‚Wir‘ außer der Symbiose (zB Mutter+Kleinkind)

2.0 Purpur (wir)

Thema: SICHERHEIT
Methode:  Zugehörigkeit und Schutz im Clan
Spannungsbogen:  gute Geister/böse Geister
Qualität: magisch-animistisch
Evolutionärer Zugewinn:  Vertrauen in Bindungen
Typische Akteure: Heiler, Schamanen
Spiritualität: Geister, Totenreich der Ahnen, Stammesgötter
Organisationsform: Clan, der absolute Unterordnung fordert
Der Clan ist alles, das Individuum nichts. Hier gibt es kein ich, nur ein wir innerhalb einer feindlichen Umwelt, „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Das Schamanentum hat die Aufgabe, mit den Geistern und Ahnen Deals anzuschließen bzw sie zu bezwingen, es geht um Macht, aber nicht um persönliche sondern um eine, die das Überleben der Gruppe sichern soll, um das Austreiben böser Geister (sehr unterschiedlich von dem modernen, new-age Schamanismus, der auf einer ganz anderen Basis steht)

3.0 Rot (ich)

Thema: MACHT
Methode:  Ausbruch und Eroberung
Spannungsbogen: Starke/Schwache
Qualität: agressiv, expansiv, willkürlich
Evolutionärer Zugewinn: Selbstvertrauen
Typische Akteure:  Helden, heroische Märtyrer, Abenteurer
Spiritualität: Machtgötter, Kriegsgott Jahwe
Organisationsform: Räuberbande, feudales (Raub-)Rittertum
Bild für Organisation: Wolfsrudel
moderne Beispiele: Mafia, Streetgangs
Die Geburt des Egos, Trotzphase bei Kindern (wenn ich laut genug brülle bekomme ich was ich will).

4.0 Blau (wir)

Thema: WAHRHEIT
Methode: höhere Ordnung, Moral, Gehorsam, Gewissen
Spannungsbogen:  Heilige/Sünder
Qualität: gesetzlich, hierarchisch, berechenbar, starr
Evolutionärer Zugewinn: Vertrauen in Werte
Typische Akteure: Könige, Beamte, Priester, Schriftgelehrte
Spiritualität: Einziger Gott, Schöpfer, Allmächtiger Richter
Organisationsform: der klassische Beamtenstaat, das Militär, Kastenstaat
Bild für Organisation: Pyramide, Saurier
Modernes Beispiel: orthodoxe Kirche

5.0 Orange (ich)

Thema: FREIHEIT
Methode:  Wohlstand, Rationalität, wissenschaftl. Forschung, Leistung
Spannungsbogen: Erfolgreiche/Verlierer
Qualität: diesseitig, effizient, mechanistisch
Evolutionärer Zugewinn:  Vertrauen in Vernunft
Typische Akteure:  Experten, kapitalistische Unternehmer, aufgeklärtes Ich
Spiritualität: verlorener Gott („Gott ist tot“), persönlicher Gott
Organisationsform: das herkömmliche Unternehmen zur Gewinnmaximierung
Bild für Organisation: Maschine (nach wie vor Pyramide, aber weniger berechenbar oder verlässlich, insgesamt viel flacher)
Modernes Beispiel: McDonald (und fast alle anderen Firmen)
Geburt des Haifisch-Kapitalismus, Wirtschaft als Krieg um Marktanteile, der Mensch als Rädchen in einer Maschine der für gute Leistung belohnt wird und für schlechte gefeuert wird. Während in blauen Wirtschaftsunternemen die soziale Verantwortung meist wahrgenommen wurde und auch Minderleister durchgefüttert wurden, werden diese in Orange dem Leistungsgedanken geopfert; hire and fire.

6.0 Grün (wir)

Thema: VERBUNDENHEIT
Methode:  Konsens, Integration, Versöhnung
Spannungsbogen: Sensible/Unsensible, Toleranz/Intoleranz
Qualität: einfühlsam, friedfertig
Evolutionärer Zugewinn: Vertrauen in Liebe
Typische Akteure:  Teams, Therapeuten, Sozialarbeiter
Spiritualität: Menschenfreundlicher, mütterlicher Gott, Gott in allen Religionen, Erlösung durch Liebe
Organisationsform: Strukturen sehr ähnlich denen von Orange mit dem Bestreben, Macht nach unten abzugeben und menschlich miteinander umzugehen
Bild für Organisation: Familie
Modernes Beispiel: inzwischen erfreulich viele, aber im Gesamten gesehen noch immer recht wenige,meist kleinere Firmen im politisch grünen Dunstkreis, die typischerweise Mitglied der Grünen Wirtschaft sind.
Interessant, dass Menschen, die Idealen der Grünen Parteien viel abgewinnen können (was nicht heißt, dass sie deshalb Grün wählen), sich oft in weiten Teilen ihres Weltbildes in 6.0 Grün befinden. Bei den anderen Farben ist das ja nicht so ist.

7.0 Gelb (ich)

Thema: ZUSAMMENSCHAU
Methode:  Komplexität, Nondualität
Spannungsbogen:  Paradoxien aushalten
Qualität: systemisch-integrativ
Evolutionärer Zugewinn: Vertrauen in Intuition
Typische Akteure:  Projekt-auf-Zeit Arbeiter, Freelancer, Modern Nomads, globale Netzwerker
Spiritualität: Trinitarische Koinhärenz von Mensch und Gott (kurz und einfach erklärt ist das das „ich bin in Gott und Gott ist in mir“-Erleben)
Organisationsform: keine; Netzwerk; Delfin-Struktur
Bild für Organisation: Netzwerk
Beispiele für Organisationen: lose Netzwerke von Freelancern, die sich für spezifische Projekte zusammenschließen, aber alle selbstständig sind und separat Rechnung legen; seit kurzem: Genossenschaften wie „New World of Work“ www.nwow.org, ein Zusammenschluss von Selbstständigen; diese minimalistisch organisierten Netzwerke können auch sehr groß sein, wie zB avaaz oder Anonymous. Eine typische Organisationsform von Gelb ist auch der echte Flashmob (echt deshalb, weil es gibt ja Formen des unsichtbaren Theaters oder der Performance im öffentlichen Raum, wo sich die Akteure kennen, sogar vorher gemeinsam proben, etc, die auch Flashmob genannt werden, während der ‚echte Flashmob‘ nur aus einer Einladung oder Anregung im www besteht, und niemand weiß vorher wer kommt und was genau passieren wird).
Ab Gelb kann der Wert aller Phasen wahrgenommen und anerkannt werden, es fällt leicht mit Menschen mit völlig anderen Wertesystemen oder anderen Persönlichkeitstypen zusammen zu arbeiten oder sich ihnen verbunden zu fühlen. Auch das ‚Toleranz-Dilemma‚ von grün ist ab hier gelöst (grün ist sehr tolerant, außer gegen die Intoleranten, weil Toleranz gegen Intoleranz als eine Art ‚Verrat an der Toleranz‘, bzw. als bedrohlich erlebt wird).

8.0 Türkis (wir)

Thema: UNIVERSALITÄT
Methode: Allverbundenheit, Harmonie, Schwarmintelligenz
Spannungsbogen: Integration verschiedener Perspektiven
Qualität: fraktal, autopoietisch
Evolutionärer Zugewinn: Vertrauen ins Große Ganze
Spiritualität: Gott als pulsierender Prozess, Schöpfung als göttliche Poesie
Organisationsform: sog. „Teal“ Organisationen
Bild für Organisation: Lebewesen, intelligentes System
Teal Organisationen unterscheiden sich von allen anderen in drei Bereichen:
  1. Ganzheit – dh der Arbeitsplatz ist ein menschlich sicherer Raum, der die ganzen Menschen einlädt und anerkennt, auch mit Aspekten die man befremdlich findet. Diesen Aspekt finden wir bereits teilweise in grünen Organisationen, hier noch noch radikaler.
  2. evolutionärer Zweck bzw. Ziel (purpose) – dh dass sie einen der Evolution des Großen Ganzen dienenden Zweck haben, der von den Menschen nicht bestimmt sondern nur erkannt werden kann.
  3. Selbst-Führung – d.h. dass weder Einzelne noch das Kollektiv über andere bestimmen kann.
Moderne Beispiele: Buurtzorg (Hauskrankenpflege in Holland), Morning Star (der größte Tomaten verarbeitende Betrieb der Welt), ESBZ (Schule mit über 60 Lehrer*Innen in Berlin).
Was an dieser Form der Organisation besonders spannend und erfreulich ist, dass sich auch Menschen in diesem Kontext wohl fühlen können, die selbst in allen anderen Bereichen des Lebens andere Paradigmen vertreten.
Und noch in eigener Sache: auch das von mir angestoßene Wohnprojekt LivingSENSE, das bis jetzt ausschließlich von HSP getragen wird, ist dabei, sich in den internen Entscheidungs- und Organisationsstrukturen nach diesen Grundsätzen auszurichten. Das Projekt ist noch nicht manifest, aber wir haben schon das Grundstück gefunden, und wenn alles gut geht werden wir 2021 einziehen. Es ist geplant dass dort in 50 Wohneinheiten Menschen zusammen wohnen, die sich für Hochsensibilität und Nächstenliebe im Alltag aktiv einsetzen wollen.

9.0 Koralle (ich)

Dieses Weltbild ist noch völlig unbekannt, liegt noch in der Zukunft, vielleicht mit Ausnahme von ganz wenigen einzelnen Menschen, die sich aber vermutlich sehr unauffällig verhalten, weil die Zeit einfach noch nicht reif ist für irgendwelche Veröffentlichungen davon.

Wichtig und interessant in diesem Zusammenhang finde ich noch den Mechanismus, mit dem Menschen sich die Sicherheit, die ein jedes Welterklärungsmodell ja mit sich bringt, bewahren. Von 1.0 bis 6.0 funktioniert dieser Selbstschutz über verachten und ignorieren. Wenn wir in einer Sache mit Aussagen aus einem anderen Paradigma konfrontiert werden, dann schmälert das meistens unsere Achtung vor der Person, die diese Aussage machte. Das heißt, wir verlassen die Augenhöhe und halten den anderen entweder für weniger intelligent, moralisch minderwertig, schwächer – je nachdem was in unserem eigenen Paradigma als hoher Wert gilt. Und wir ignorieren Inhalte und Erklärungen, weil wir meinen wir kennen das, und wir ‚wissen‘ dass es ‚falsch‘ ist – d.h. wir sind dann meist nicht bereit, uns mit den Inhalten wirklich auseinanderzusetzen, sondern höchstens so weit, dass wir den Anderen beweisen können, dass sie Unrecht haben.
Meistens ist diese Verachtung sehr subtil, aber an Hand eines drastischen Beispiels wird es sicher gleich deutlich: Wie glaubst du wird zum Beispiel jemand, der im wissenschaftlichen Weltbild von 5.0 ORANGE, so wie es vor 30 Jahren in der Schule unterrichtet wurde, verwurzelt ist reagieren, wenn jemand erkennen lässt, dass er ein Vertreter der Flachwelt-Theorie ist? Oder wie wird ein Mensch, der im sozialen Weltbild von 5.0 BLAU verwurzelt ist (wo der patriarchalische Vater über Frau und Kinder regiert, wie z. B. heute noch teilweise im konservativen Islam), reagieren wenn er mitbekommt, wie der Mann einer Patchwork Familie  mit seiner Lebensgefährtin und den Grundschulkindern über die Urlaubsgestaltung diskutiert? Oder umgekehrt, was denkt sich der Patchwork-Papa über den Patriarchen?
Mit waren diese Erkenntnisse wertvoll, weil ich dadurch für meine eigene Abwertung anders denkender Gesprächspartner sensibilisiert wurde. Es ist nicht leicht, für mich nicht und sicher für viele nicht, mit den Verunsicherungen, die eine Konfrontation mit anderen Weltbildern immer mit sich bringt, anders umzugehen. Aber ich halte es für eine lohnende Herausforderung.
Autor: Georg Parlow

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