allgemein

Wenn wir an Empfindsamkeit „leiden“

Hochsensibilität ist ein Wesenszug und keine Krankheit. Trotzdem gehen viele hochsensible Menschen in Therapie und fühlen sich dadurch wesentlich wohler. Viele von ihnen berichten, dass sie nun mit ihrer sensiblen Veranlagung viel besser umgehen können. Der Grund liegt teilweise darin, dass negative Erfahrungen, besonders in der frühen Kindheit, zu einer erhöhten Verletzlichkeit und geringeren Belastbarkeit führen. Diese traumabedingte „Überempfindlichkeit“ addiert sich zur „normalen“ Hochsensibilität, wodurch das Leben als besonders reizüberflutend erlebt wird.

Was genau geschieht mit den schlechten Erfahrungen, die uns massiv überfordert haben, und die nicht aufgearbeitet und integriert wurden? Warum steigert das oft die Empfindlichkeit? (Man könnte ja auch denken, dass man durch solche Erfahrungen abgehärtet wird.) Zu diesem Thema empfehle ich die Bücher von Franz Ruppert, besonders das Buch „Seelische Spaltung und innere Heilung“, Klett-Cotta.

Bis vor kurzem hatte ich kein Interesse, mich mit dem Thema „Seelische Spaltungen“ zu befassen. Ich dachte: Ich bin doch nicht schizophren, und die Menschen, die ich berate, sind das auch nicht und meine Freunde und Familie ebenso wenig. Und ich dachte auch: Traumatisiert? Ich doch nicht! Traumatisiert sind doch jene Menschen, denen so Schreckliches widerfahren ist wie ein Raubüberfall, ein Krieg oder die als kleine Kinder von ihren Eltern schwerst misshandelt wurden. So dachte ich, bis ich mit den Begriffen „Entwicklungstrauma“ und „Generationen übergreifendes Trauma“ vertraut wurde. Jetzt verstehe ich, dass Traumen und daraus folgende Spaltungen ein sehr häufiges Phänomen sind, das nicht nur seelisch kranke Menschen betrifft.

Seelische Spaltung (Dissoziation) ist bis zu einem gewissen Grad ein normaler Vorgang, den fast alle Menschen an sich beobachten können. Dazu Franz Ruppert:

„Wenn eine Situation emotional schwierig wird, reduzieren wir unsere Gefühle oder steigen innerlich aus. Sehen wir beispielsweise im Fernsehen zu viele Bilder von Not und Elend, müssen wir unser Mitgefühl zurücknehmen, um selbst nicht zu verzweifeln. Wer in bestimmten Berufen arbeitet, muss seine Gefühle zur Seite stellen, unterdrücken oder einfrieren. . .. Polizisten oder Feuerwehrleute müssen ihre Ängste, ihr Mitleid mit den Opfern oder ihre spontan hochkochenden Wutgefühle gegenüber den Tätern im Griff haben, um ihren Dienst erfüllen zu können.“

Meist sind solche „Abspaltungen“ oder „Verdrängungen“ vorübergehend. Sobald die Situation vorbei ist, können wir unsere Gefühle wieder zulassen. Je länger jedoch eine belastende Situation andauert, je öfter sie auftritt, je schwerwiegender sie ist, umso schwieriger wird es, die ursprünglichen Gefühle wieder zu spüren und wieder „ganz man selbst“ zu werden.

Warum entstehen Abspaltungen?

Belastende, überfordernde und auch traumatische Erfahrungen sind leider ein Teil des Lebens; solche Erfahrungen machen sehr viele Menschen und auch Tiere, und das schon seit Urzeiten. Deshalb ist anzunehmen, dass die Natur eine Umgangsweise mit solchen Situationen gefunden hat. Und so ist es auch: In gefährlichen und traumatischen Situationen schalten wir in eine Art Überlebensmodus, damit unsere Handlungsfähigkeit erhalten bleibt. Das gilt besonders für Extremsituationen. Dazu Ruppert: „Die Mobilisierung ungewöhnlicher Kräfte und die Betäubung des Schmerzgefühls sind charakteristische Merkmale des Verhaltens von Menschen in einer Traumasituation. Solange noch irgendeine Chance besteht, das eigene Leben oder das Leben anderer zu retten, schaltet der Körper auf Höchstleistung (Stressreaktion) und unterdrückt den Schmerz. Vermutlich basiert jegliches Heldentum auf diesem Mechanismus.“

Wenn die Belastung schwerwiegend war, besonders wenn wir sie schon als kleines Kind erleben mussten, z.B. durch erziehungsunfähige Eltern, so werden wir danach nie mehr „ganz die alten“. Auch dies ist ein natürlicher Vorgang, eine Fortsetzung des Überlebensmodus. Was geschieht mit der traumatischen Erfahrung? Wird sie in allen Einzelheiten erinnert? Offenbar nicht. Denn das wäre sinnlos, denn es geht ja um das Weiterleben nach dem Überleben. Die Erfahrungen werden aber auch nicht vergessen, dafür sind sie zu wertvoll. Denn schließlich gilt es, für die Zukunft gewappnet zu sein.

Dazu Franz Ruppert: „Wie also sieht der Kompromiss zwischen dem lebensrettenden Vergessen und dem für die Zukunft notwendigen Erinnern einer existenziellen Erfahrung in der Vergangenheit aus? Hier greift nun der Mechanismus der Spaltung. … Ein Teil der Seele wird, soweit wie möglich, frei gehalten von der traumatischen Erfahrung. Nennen wir dies den weiterhin gesunden Anteil. Der andere Teil speichert in sich die Erfahrungen des Traumas ab. Nennen wir ihn den traumatisierten Anteil. Spiegelbildlich zu diesem traumatisierten Anteil entsteht nun ein Anteil, der nur mit dem Überwinden der traumatischen Erfahrung befasst ist. Nennen wir ihn den Überlebensanteil. Es gibt dann insgesamt drei Seelenanteile, die durch dissoziative Prozesse aktiv auseinandergehalten werden und sich von nun an getrennt voneinander weiterentwickeln. Ein Hauptziel dieses Spaltungsvorganges ist es, dass der traumatisierte Anteil vom bewussten Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln, so gut es geht, ferngehalten wird.  Das ist die Hauptaufgabe des Überlebensanteils.“

(Hier zwei vereinfachte Beispiele:
Beispiel 1: Wenn wir sagen, dass wir ein Verhalten von jemand anderem „nicht ertragen“ – dass es uns „total nervt“, obwohl es für viele Menschen harmlos ist, so ist das oft ein Indiz für einen traumatisierten abgespaltenen Anteil, der durch das Verhalten getriggert wird. Und wenn wir unsere Ablehnung und Vermeidung rationalisieren, indem wir z.B. sagen „Was dieser Mensch tut, das tut man ganz einfach nicht“, so ist das unser Überlebensanteil, der uns davor bewahren will, die Wucht unserer ursprünglichen, alten Gefühle wieder zu erleben.
Beispiel 2: Jemand wurde als Kind oft im Stich gelassen. Er findet das rückblickend „nicht so schlimm“. Wenn es ihm schlecht geht, bittet er nicht um Hilfe, denn er ist „schließlich nicht abhängig“. Wenn derjenige in eine Situation gerät, die er allein doch nicht bewältigt, dann stürzt ihn das in tiefe Verzweiflung. Die wird jedoch so schnell wie möglich „überwunden“ und der schein-selbstständige Lebensstil wird weitergeführt. Die Worte „Ich brauche Hilfe“ kommen ihm nicht über die Lippen, und das Gefühl von Bedürftigkeit wird so gut es geht unterdrückt, denn sonst würden schreckliche Erinnerungen an Verrat oder Verlassenheit wachgerufen. In diesem Fall stecken im traumatisierten Anteil tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit, und der Überlebensanteil redet diesem Menschen ein, dass Selbstständigkeit ohnehin eine überlegene Tugend ist.)

Je öfter wir traumatische Erfahrungen machen müssen, umso mehr Abspaltungen entstehen, und umso kleiner wird der gesunde Anteil. Je kleiner der gesunde Anteil der eigenen Seele ist, umso weniger belastbar sind wir, und umso leichter werden wir aus der Bahn geworfen. Wenn wir noch dazu hochsensibel sind und schon von der Anlage her viel wahrnehmen und viel zu verarbeiten haben, dann kann das dazu führen, dass unsere Wohlfühlzone sehr schmal oder kaum vorhanden ist.

Die Trennung der verschiedenen Seelen-Anteile bewirkt, dass unser gesunder Ich-Anteil erfolgreich am Leben teilnehmen kann, dass er lernen und neue Erfahrungen machen kann, Kompetenzen entwickelt, mit Optimismus in die Zukunft blicken kann, u.v.m. Der traumatisierte Anteil jedoch bleibt isoliert, und kann keine neuen Erfahrungen machen und auch keine Heilung empfangen, jedenfalls nicht, solange er nicht in die Gesamtpersönlichkeit integriert wird.

Wenn wir abgespaltene Anteile wahrnehmen und integrieren lernen, so wird der Teil unserer Seele, der unser gesundes Ich ist, größer. Wir werden zentrierter, fühlen uns weniger schnell bedroht, sind nicht mehr so leicht zu erschüttern. Wie diese Abspaltungen integriert werden können, beschreibt das genannte Buch von Franz Ruppert ebenfalls. Ein wichtiger erster Schritt ist, zu erkennen, dass man abgespaltene Anteile hat. Dieses Erkennen und Anerkennen ist der wichtigste Schritt, und manchmal auch der einzige, der nötig ist.

Durch die Integration abgespaltener Anteile – egal durch welche Art von Therapie – werden Energie und Lebendigkeit frei, die uns im Hier und Jetzt endlich wieder zur Verfügung stehen. Hochsensible Menschen fühlen sich dann geerdeter und erleben mehr Gelassenheit. Sie können die schönen Seiten der Hochsensibilität mehr genießen. Manch eine/manch einer schwört daraufhin auf eine bestimmte therapeutische Richtung. Doch die Freude, die Erleichterung kommt nicht von der Therapiemethode, sondern davon, dass eigene innere Räume erschlossen wurden und dadurch mehr Integrität und eine größere Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

In den letzten Jahren hat Ruppert eine Form der Aufstellung entwickelt, mit der die Teilnehmer abgespaltene Anteile erkennen können und diese eine Stimme bekommen und integriert werden können. Siehe www.franz-ruppert.de
Und es gibt natürlich viele andere Methoden. Es lohnt sich!

Wenn Sie jedoch „nur“ hochsensibel bzw. hochsensitiv sind, werden Sie trotzdem immer wieder mit starken Emotionen und/oder Übererregtheit zu kämpfen haben. In diesem Fall lohnt es sich sehr, wenn Sie sich über die HSP-Thematik informieren. Denn dann können Sie Ihre Reaktionen und Gefühle besser verstehen und einordnen, und können geeignete Strategien finden, wie Sie Ihren Alltag angenehmer gestalten können.

Liebe Grüße,
Liesi

6 Gedanken zu „Wenn wir an Empfindsamkeit „leiden“

  1. Super Artikel, liebe Liesi, der mir direkt aus meiner Therapeutenseele spricht! Sehr schön und klar zusammengefasst, auch wenn ich selbst bis jetzt teilweise andere Verständnisbilder verwendet habe. Sehr schlüssig, nachvollziehbar und inspirierend. Danke .

  2. Diese Seite hat mir die Augen geöffnet und mich sehr beruhigt. Ich bin zart besaitet!
    Leider fühle ich mich nicht imstande meine ganze Gefühle in Stresssituationen und auch im Alltag selber zu bewältigen.
    Gibt es spezielle Therapeuten im Raum Köln die noch vakante Termine haben?
    liebe Grüße Alexa

    1. Liebe Alexa,
      auf http://www.hsp-links.net/zartbesaitet/links.htm oder auf http://www.zartbesaitet.net/termine/ bzw. auf http://www.hochsensibel.org/startseite/kontakte-vor-ort.php stehen Kontakte zu professionellen Angeboten, aber auch zu anderen hochsensiblen Menschen in Ihrer Nähe, die vielleicht empfehlenswerte Therapeuten in Ihrer Nähe kennen. Empfehlenswerte Ärzte und andere Heiler finden Sie auch auf https://hochsensibilitaetskongress.com/therpeuten-aerzte-hilfe/. Eine Möglichkeit wäre vielleicht auch ein Nachfragen auf einer der ca. 10 deutschsprachigen facebook-Gruppen zu dem Thema, oder in online Foren bzw. Chats https://duckduckgo.com/?q=online+forum+chat+Hochsensibilit%C3%A4t&atb=v60-6_a&ia=web

  3. Sehr schön ausgedrückt, liesi. Aus welchem der Bücher zitierst du Franz Ruppert? Oder kommen die Zitate aus verschiedenen Büchern oder sagt er diese Dinge sowieso in mehreren seiner Bücher?:)
    Liebe Grüße
    Stella

    1. Hallo Stella,
      danke! Die Zitate sind aus dem Buch „Seelische Spaltung und innere Heilung“, erschienen bei Klett-Cotta.
      Liebe Grüße, Liesi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.