
Schon oft habe ich bemerkt, dass ich unabsichtlich Gefühle von anderen übernehme, und dass dies viele Hochsensible betrifft. Deshalb habe ich recherchiert, woran das genau liegt, warum Abgrenzung speziell für Hochsensible so schwierig ist und was dies für Menschen in helfenden Berufen bedeuten kann.
Viele Menschen kennen das: Man geht gut gelaunt aus dem Haus, trifft eine andere Person – und plötzlich ändert sich die Stimmung, ohne dass man genau sagen könnte, warum. Vielleicht fühlst du dich schwer, angespannt oder traurig, vielleicht aber gestärkt und fröhlicher als zuvor. Besonders hochsensible Menschen erleben das häufig: Sie übernehmen Gefühle von anderen nicht absichtlich, nicht aus dem bewussten Wunsch heraus mitzufühlen, sondern ganz unbewusst und automatisch. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend werden. Vor allem dann, wenn es sich um unangenehme Emotionen handelt wie Stress, Ärger oder Traurigkeit. Dieses Phänomen nennt man emotionale Ansteckung.
Diese emotionale Übertragung kann bereichernd sein, weil sie echte Verbindung ermöglicht, sie kann aber auch anstrengend werden, vor allem wenn unangenehme Gefühle übernommen werden wie etwa Stress, Ärger, Scham oder Traurigkeit.
Für Coaches, Therapeuten, Beraterinnen, Pflegekräfte und andere Menschen in helfenden Berufen ist dieses Thema besonders relevant – denn wer viel mit Menschen arbeitet, bewegt sich täglich in emotional intensiven Räumen.
Was steckt dahinter?
Ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis liegt in unseren Spiegelneuronen. Das sind spezielle Nervenzellen im Gehirn, die dafür sorgen, dass wir Mimik, Gestik, Körpersprache und den Tonfall unseres Gegenübers unabsichtlich innerlich nachahmen.
Bei hochsensiblen Menschen reagiert dieses System oft besonders fein. Sie nehmen kleinste Veränderungen wahr: einen kaum merklichen Seufzer, einen angespannten Blick, eine gedrückte Stimmung im Raum. All das wird im Inneren verarbeitet, noch bevor der Verstand überhaupt einschreiten kann. Die Emotion ist dann einfach da.
Beispiele aus dem Alltag
- Eine Freundin erzählt nur kurz von ihren Sorgen, und obwohl du ihr nur zuhörst, fühlst du dich danach selbst mutlos und erschöpft.
- Dein Partner kommt gestresst von der Arbeit nach Hause, und plötzlich spürst du eine unangenehme Spannung in der Magengegend – obwohl dein Tag eigentlich gut war.
- Im Büro liegt „dicke Luft“, und du kannst dich kaum konzentrieren, obwohl niemand direkt etwas zu dir sagt.
- In Gruppenprozessen übernimmt jemand unbewusst die Nervosität oder Unsicherheit der gesamten Runde.
All das sind typische Situationen emotionaler Ansteckung.
Warum Abgrenzung so schwer ist
Oft hört man den gut gemeinten Rat: „Du musst lernen, dich besser abzugrenzen.“
Doch so leicht ist das nicht – vor allem nicht, wenn es sich um Menschen handelt, die uns nahestehen und die wir mögen. Auch im beruflichen Kontext, insbesondere in helfenden Berufen, ist emotionale Distanzierung oft weder realistisch noch wünschenswert.
Und wenn man sich dennoch bewusst abgrenzen möchte, scheitert das oft nicht an mangelndem Willen, sondern an mehreren tief verankerten Mechanismen. Einige davon sind:
1.) Abgrenzung widerspricht der Funktionslogik von Empathie
Empathie beruht auf Nähe, Offenheit und Resonanz. Wer emotional offen wahrnimmt, kann nicht gleichzeitig vollständig distanziert sein. Besonders bei hochsensiblen Menschen ist das Nervensystem darauf ausgerichtet, Reize intensiv zu verarbeiten.
Eine vollständige Abgrenzung würde bedeuten, genau jene Prozesse zu unterdrücken, die soziale Verbundenheit und empathisches Verstehen ermöglichen. Das Gehirn unterscheidet nicht automatisch zwischen „hilfreicher Resonanz“ und „belastender Übernahme“.
2.) Bindungspsychologische Faktoren
Aus bindungstheoretischer Perspektive ist emotionale Mitregulation ein zentraler Bestandteil menschlicher Beziehungen. Bereits in der frühen Kindheit lernen wir, Emotionen über Bezugspersonen zu regulieren. Viele Menschen entwickeln dabei unbewusste Muster wie:
- emotionale Verantwortung für andere zu übernehmen
- Spannungen im Umfeld ausgleichen zu wollen
- Harmonie aufrechtzuerhalten
Diese Muster wirken im Erwachsenenalter weiter – besonders in nahen Beziehungen und in helfenden Berufen. Abgrenzung kann sich dann innerlich wie Beziehungsabbruch oder Ablehnung anfühlen.
3.) Soziale und berufliche Rollenbilder
Sowohl in der Familie als auch in helfenden und beratenden Berufen stehen Menschen häufig unter implizitem Druck, empathisch, präsent und emotional verfügbar zu sein. Abgrenzung wird unbewusst mit Kälte, Desinteresse bzw. Unprofessionalität gleichgesetzt.
Dabei entsteht ein innerer Konflikt: Nähe ermöglichen – ohne sich selbst zu verlieren.
Ohne bewusste emotionale Selbstregulation führt dieser Konflikt oft zu Erschöpfung oder seelischen Schmerzen.
Regulation statt Abgrenzung
Aus psychologischer Sicht ist daher emotionale Selbstregulation der wirksamere Ansatz. Ziel ist nicht Distanz, sondern bewusste Steuerung. Hilfreiche Ansatzpunkte dabei sind:
- Bewusste Wahrnehmung und Einordnung: „Was nehme ich im Außen wahr – und was gehört zu mir?“
- Körperliche Rückverankerung: Pausen, bewusstes Atmen, Bewegung oder ein Glas Wasser trinken – einfache körperliche Handlungen helfen dem Nervensystem, wieder in die eigene Spur zurückzufinden.
- Übergangsrituale im beruflichen Kontext
- Reflexion und Supervision zur langfristigen Entlastung
Empathie braucht Regulation
Mein Fazit: Gefühle zu übernehmen ist kein Fehler im System, sondern ein Ausdruck funktionierender sozialer Neurobiologie. Es zeigt eine tiefe Fähigkeit zur Resonanz. Hochsensible Menschen und empathische Fachpersonen verfügen über ein fein abgestimmtes Wahrnehmungssystem, das Verbindung ermöglicht – aber auch Pflege benötigt.
Viele Coaches sind gerade deshalb erfolgreich, weil sie Stimmungen intuitiv erfassen und Menschen sich bei ihnen verstanden fühlen.
Abgrenzung im Sinne von emotionaler Abschottung ist weder realistisch noch wünschenswert. Entscheidend ist die Fähigkeit, empathisch offen zu bleiben und gleichzeitig innerlich stabil.
Erst dadurch wird Sensibilität zu einer tragfähigen Ressource – für gesunde Beziehungen, wirksame Begleitung und langfristige psychische Gesundheit.
Durch meine Recherche und das Nachsinnen darüber habe ich jetzt einen Ansatz gefunden, um damit besser umzugehen: Ich versuche in Begegnungen zu „pendeln“, d.h. meine Aufmerksamkeit abwechselnd auf mich selbst und auf mein Gegenüber zu richten, um am „Meinigen“ festhalten zu können und gleichzeitig den anderen empathisch wahrzunehmen.
Schreibt uns gerne eure Strategien, wie ihr Empathie und innere Stabilität in Einklang bringt!