allgemein

Suchttendenzen und Hochsensibilität

Das Thema heute: Haben Hochsensible eher mit Süchten zu kämpfen? Diese Frage wurde uns vom Verein in den letzten Jahren oft gestellt. Die Fragenden meinen damit selten „harte“ Drogen, sondern meist Internet- oder Handysucht, Zigaretten-, Kaffee- oder Alkoholmissbrauch, oder auch Esssucht sowie Essstörungen im Allgemeinen. Für mich ist die Frage auch persönlich relevant, denn ich bemerkte an mir selbst eine Neigung, in Suchtverhalten zu kippen. Das hatte ich zwar ganz gut im Griff, jedoch wusste ich, wenn ich mich gehen lassen würde, könnte ich ein Alkoholproblem oder eine Internetsucht oder etwas anderes entwickeln. Deshalb fragte ich mich oft: Warum gibt es Menschen, die mit Suchttendenzen zu kämpfen haben, und andere, für die das überhaupt kein Thema ist?

Ein wertvolles Puzzlesteinchen zum Gesamtbild dieser Thematik fand ich in dem Buch „Essanfälle adé“ von Olivia Wollinger (erschienen bei Ullstein). Im Laufe ihrer langjährigen Begleitung von Menschen mit emotionalem Essverhalten stieß sie auf das Konzept der „toxischen Scham“.

Was ist „toxische Scham“? Scham, Schuldgefühle und toxische Scham

Scham in ihrer normalen, gesunden Form ist eine wichtige Emotion. Scham verhindert, dass wir Menschen zu nahe treten, Scham bewirkt, dass wir überlegen, was wir wie sagen und uns bemühen, andere Menschen nicht zu verletzen oder ihre Grenzen zu überschreiten. Unser soziales Verhalten wird in hohem Maß von Scham geregelt. Gesunde Scham lässt uns deutlich spüren, ob unser Verhalten angemessen ist.

Schuldgefühle sind ebenfalls normale, gesunde Gefühle. Ein Schuldgefühl sagt mir: „Ich habe etwas Schlechtes getan.“ Das hilft mir, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Toxische Scham hingegen ist ein sehr unangenehmes Gefühl, das aussagt: „Ich bin schlecht, so wie ich bin“. Nicht eine konkrete Handlung oder Eigenschaft wird negativ beurteilt, sondern wir als ganze Person. Toxische Scham gibt uns das Gefühl, nicht in Ordnung zu sein, nicht liebenswert und nicht wertvoll zu sein.  Toxische Scham ist kein Gefühl, das kommt und geht, sondern ein chronischer Zustand. (Toxische Scham wurde früher oft ungenau als „Minderwertigkeitskomplex“ bezeichnet, ein Begriff, der am Wesentlichen etwas vorbeizielt.)

Toxische Scham kann entstehen, wenn unsere Bezugspersonen uns dauerhaft oder sehr häufig das Gefühl geben, dass sie uns so, wie wir nun mal sind, nicht lieben können. Z.B. wenn wir als Kind nur dann Anerkennung bekommen, wenn wir den Vorstellungen unserer Eltern entsprechen, wenn wir regelmäßig mit abwertenden Kommentaren konfrontiert werden, wenn einige unserer Gefühle oder Wesenszüge regelmäßig unterbunden werden, wenn unsere Privatsphäre missachtet wird, oder wenn wir vernachlässigt werden und unsere grundlegenden Bedürfnisse nicht erkannt und respektiert werden.

Und was hat das mit Hochsensibilität zu tun?

Es ist zu vermuten, dass hochsensible Menschen eher toxische Scham entwickeln als Normalsensible. Denn bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie von ihrer Umwelt als „nicht in Ordnung“ abgestempelt werden. Etwa weil sie sich mehr Ruhe und Geborgenheit wünschen, weil sie sich vielleicht weniger trauen, weil sie schlechter für ihre Interessen kämpfen können, weil sie vielleicht lärm- oder kälteempfindlicher sind, und vieles mehr. Wenn Kinder das Gefühl bekommen, sie können sich nicht erfolgreich anpassen („Egal wie ich es mache, es ist falsch“), dann entwickeln sie erst einmal Trotz. Und wenn sie dann für den Trotz bestraft oder gar bedroht werden, dann kann sich die Überzeugung festsetzen, ganz grundlegend „nicht in Ordnung“ zu sein. Man spürt, dass man nicht um seiner selbst willen geliebt wird. Und weil kleine Kinder ihre Eltern in Schutz nehmen, wächst die Überzeugung, selbst daran schuld zu sein. Schließlich schämt man sich dafür, dass man nicht geliebt wird. Das ist toxische Scham.

Auch im Erwachsenenleben haben viele Hochsensible den Eindruck, anders als die Mehrheit zu sein, sich schwer anpassen zu können, sich oft fremd zu fühlen. Dies macht es HSP oft schwer, sich zugehörig und verbunden zu fühlen – aber genau das wäre das beste Heilmittel gegen Scham.

Neigung zu Suchtverhalten

Das toxische Schamgefühl ist sehr unangenehm und kaum zu ertragen. Betroffene entwickeln daher schon früh unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Diese können sein:

  • Man lenkt sich mit ständigen Aktivitäten ab, auch mithilfe des Smartphones,
  • man will viel leisten und fühlt sich verpflichtet, hohe Erwartungen zu erfüllen.
  • Man verwendet Essen, Drogen, Zigaretten oder andere Substanzen, um entweder die unangenehmen Gefühle weniger zu spüren, oder um mit anderen Empfindungen die eigene toxische Scham zu übertönen.

Besonders „beliebt“ ist die Ablenkung durch Essen, weil dies unverfänglicher ist als Drogen oder Internetsucht. Denn Essen muss ja jeder ab und zu, und der eine hat halt mehr Appetit als der andere. Doch wenn schließlich die Waage mehr Gewicht anzeigt als uns lieb ist, dann haben wir endlich einen triftigen Grund für unsere nagenden Schuld- und Schamgefühle, und noch mehr Druck, diese irgendwie zu übertönen.

Der Weg aus toxischer Scham ist ein langer, aber wie so oft gilt: Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Wenn wir das Problem erst einmal identifizieren, können wir viel für uns tun, allein oder mit Hilfe anderer Menschen.

Bei der Recherche zu diesem Blogbeitrag bin ich auf eine sehr sympathische Webseite geraten: scham-heilen.com Ich möchte diesen Artikel abschließen mit einem Satz von dieser Seite: „Das beste und wichtigste Gegenmittel gegen Scham ist Verbundenheit.“

Herzliche Grüße
Ingrid Parlow

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.