allgemein

Sensible Verantwortung – HSP als Förderer der Kultur

Georg Parlow Keynote beim HSP-Kongress in Münsingen 2017

Das Video in meinem vorigen Beitrag wurde im September 2016 aufgenommen. Am HSP-Kongress 2017 in Deutschland und im September 2017 am 3. Schweizerischen HSP-Kongress wieder in Münsingen bei Bern in der Schweiz, also genau ein Jahr später, war ich Keynote Speaker. In meinem letztgenannten Vortrag in Münsingen zeigte sich gut, wie sich mein Kernthema -die Verantwortung der Sensiblen sich in die Welt einbringen, und die Bedeutung der HSP für die Welt- entwickelt hat. Weil mir der Punkt wirklich wichtig ist, werde ich aus meinen Notizen zum Vortrag hier einen Beitrag basteln:

Wenn wir die Entwicklung des Themas Hochsensibilität in der öffentlichen Wahrnehmung rekapitulierend betrachten, lässt sich eines klar erkennen: die Hochsensibilität wird immer öfter und in breiteren Rahmen thematisiert. Damit werden wir HSP immer sichtbarer. Das ist einerseits sehr erfreulich, aber diese öffentliche Präsenz ist nicht unproblematisch.

In den vielen Gesprächen, die ich mit Hochsensiblen führe, zeigt sich dass viele HSP im Zuge ihrer Heilung und Selbstfindung eine Phase durchmachen, in der sie Rücksicht und Sonderbehandlung teilweise auch vehement einfordern. Das ist für mich verständlich, denn wenn jemand vielleicht ein Leben lang im Abseits gestanden war, vielleicht die Rolle allzu willig auch selbst übernommen hat, dann ist es nachvollziehbar, dass man in der Selbstbefreiung etwas überkompensiert. Und ich will mich da selbst gar nicht ausnehmen, ich habe des öfteren die Zicke raushängen lassen und bin meiner Umwelt damit auf die Nerven gegangen. Sowas kann auch mal gut tun, kann helfen, Furcht und Selbstabwertung abzulegen und die eigene Kraft zu spüren, und nicht in vorauseilender Unterwerfung klein beizugeben.

Aber so verständlich das ist, ich würde mir heute wünschen, dass HSP das tun, bevor sie sich in ihrem Umfeld als hochsensibel outen, und nicht vielleicht noch mit der Begründung „ich will das und das, weil ich hochsensibel bin“. Warum? Nun ja, wenn wir in dieser Weise mühsam sind, tun wir niemandem etwas Gutes, außer vielleicht uns selbst. Und so sinnvoll das mal aus therapeutischen Gründen sein mag – ist es nicht genau das, was wir an der „unsensiblen Welt“ so kritisieren? Dass alle nur auf den eigenen Vorteil und die eigene Bequemlichkeit schauen?

C. G. Jung sagte über die „sensiblen Introvertierten“, dass sie die Erzieher und Förderer von Kultur seien. Das gibt uns eine gewisse Verantwortung für die Gepflogenheiten dieser Kultur.

Wie funktioniert Erziehung? Nun, aus der Pädagogik wissen wir, dass mindestens 80% der Erziehung über das Vorbild passieren, und maximal 20% durch das, was wir predigen. Was wollen wir denn mit unserem Vorbild erreichen? Wir wünschen uns doch alle

  • mehr Achtsamkeit,
  • mehr Vernunft,
  • mehr Respekt und
  • mehr Sensibilität in der Welt.

Wenn wir das wollen, dann müssen wir das vorleben. Wir müssen das einbringen, nicht einfordern. Wenn wir die Welt beeinflussen wollen zu mehr Achtsamkeit, wenn wir die Vernunft und die Sensibilität in den Menschen fördern wollen, dann müssen wir unsere Rolle als „Verwalter der Werte“ in unserer Kultur annehmen und erfüllen.

Die Welt braucht nicht unser Ego, sondern vor allem unser Herz und unsere Bereitschaft, die Verantwortung des „besseren Durchblicks“ zu schultern. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gib das, was du dir erwartest. Dabei hilft uns weder falsche Bescheidenheit noch Anspruchshaltung. Ob es uns gefällt oder nicht, wenn es um Werte geht, sind HSP diejenigen, die voraus gehen. Unsere Handlungen haben Auswirkungen, und diese Verantwortung ist Teil unserer Bestimmung. Um diese auf uns zu nehmen, brauchen wir Mut und Demut.

Autor: Georg Parlow