
Der Begriff Neurodiversität beschreibt die Ansicht, dass so manche Unterschiede in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns keine Fehler sind, sondern Teil der menschlichen Vielfalt. Keine Art zu denken ist wie die andere.
Zu den Formen natürlicher Neurodiversität werden ADS und ADHS, Autismus, Legasthenie und weitere Besonderheiten gezählt. Manchmal hört man die Anregung oder Forderung, auch Hochsensibilität in dieses Konzept aufzunehmen.
Der Begriff Neurodiversität betont die unterschiedlichen Stärken und Fähigkeiten anstatt nur die Defizite. Zum Beispiel zeigen Menschen aus dem autistischen Spektrum oft eine große Detailgenauigkeit und großes Durchhaltevermögen bei gewissen Aufgaben. Oder Personen, die mit ADHS diagnostiziert sind, verblüffen oft durch ihre Kreativität und ihren Enthusiasmus.
Diese Betrachtung bietet vielen Betroffenen und Angehörigen eine gewisse Erleichterung. Denn viele Menschen mit Autismus, ADHS, Dyskalulie, Legasthenie und . . . verwenden oft einen großen Teil ihrer Energie darauf, sich an die vermeintliche Mehrheit anzupassen.
Aber das Konzept Neurodiversität wird auch kritisiert. Die wichtigsten Punkte sind:
- Gefahr der Verharmlosung schwerer Beeinträchtigungen
- Unklare Abgrenzung zwischen ‚Unterschied‘ und Krankheit oder Störung
- Und daraus folgend mögliche Ablehnung von hilfreichen und wirksamen Behandlungen
Da hilft es, im Einzelfall zu fragen, was eine neurodivergente Person an Fähigkeiten, Zielen und Herausforderungen mitbringt, und was sie konkret benötigt, anstatt allgemein zu bleiben oder nur in Kategorien zu denken.
Über diese Thematik ist in den letzten Jahren viel nachgedacht und geschrieben worden. Unser kleines Team hat sich folgende Frage gestellt: Ist es realistisch zu erwarten, dass die Mehrheit auf einmal mehr Verständnis für abweichendes Verhalten hat, wenn dies mit dem Begriff ‚Neurodiversität‘ bezeichnet wird? Oder ist das nur Wunschdenken?
Gleich vorweg: Unsere Antworten lagen irgendwo zwischen Optimismus und Skepsis.
Denn wir erleben, gleichzeitig mit der Neurodiversitäts-Debatte, einen großen Druck zu Anpassung an Normen, zu Konformität. Das sehen wir besonders bei jungen Menschen: in strengen Schönheitsidealen, die oft Leid verursachen, in Verhaltensregeln (was ‚cool‘ ist, welche Worte und welche Konsumgewohnheiten ‚in‘ sind, . . . ), deren Missachtung von der Gruppe mit Abwertung oder Ausschluss bestraft wird. Wenn Gruppen von Teenagern an uns vorbeilaufen, mit ihrer ähnlichen Kleidung, ähnlichen Frisuren, ähnlichem Vokabular, haben wir nicht den Eindruck, dass Vielfalt geschätzt wird.
Oft schreiben uns (hochsensible) Menschen, dass es an ihrer Arbeitsstelle einen großen Druck zu Anpassung gibt. Die eigene Hochsensibilität wird oft soweit es geht versteckt. Es reicht oft nicht, seine Arbeit gut zu machen, man muss auch die richtigen Signale setzen, dass man dazugehört. Manchmal reicht es schon, der einzige Vegetarier oder der einzige Nichtraucher im Team zu sein, um außen vor zu bleiben.
Wegen vieler solcher Erfahrungsberichte sind wir skeptisch. Allein eine neue Bezeichnung (sei es nun Hochsensibilität, oder Neurodiversität, oder … ) verändert das Verhalten der Mehrheit normalerweise nicht grundlegend. Die Geschichte zeigt uns zwar, dass neue Begriffe wichtig zum Anstoßen von Veränderungsprozessen sind, aber persönliche Einstellungen meist nur langsam beeinflusst werden.
Wichtige Impulse kommen durch persönliche Begegnungen. Und da ist es wesentlich, ob diese achtsam gestaltet und gegebenenfalls auch moderiert werden.
- Menschen reagieren oft auf tatsächliches Verhalten und dessen Auswirkungen, nicht auf die verwendeten Begriffe.
- Wenn jemand als unhöflich, unaufmerksam oder schwer verständlich wahrgenommen wird, führt die Erklärung „Das hängt mit meiner Neurodivergenz zusammen“ nicht automatisch zu mehr Akzeptanz.
- Manche Menschen könnten den Begriff sogar als Ausrede missverstehen.
Deshalb hilft es, genau hinzusehen. Achten wir darauf, den einzelnen Menschen kennenzulernen, nicht nur seine Diagnose oder auffällige kleine Eigenheiten. Und es hilft, Wissen zu den unterschiedlichen Ausprägungen menschlicher Vielfalt zu vermitteln.
Unser Fazit:
- Sprache kann beeinflussen, wie Menschen über Unterschiede denken.
- Wenn eine Eigenschaft nicht ausschließlich als Defekt oder Krankheit betrachtet wird, sondern als Variante menschlicher Funktionsweisen, kann das Vorurteile reduzieren.
- Ähnliche Entwicklungen gab es in anderen Bereichen: Neue Begriffe allein haben keine gesellschaftlichen Einstellungen verändert, aber sie waren oft Teil eines größeren Wandels.
Aus sozialpsychologischer Sicht ist es wahrscheinlich unrealistisch zu erwarten, dass die Mehrheit allein durch den Begriff „Neurodiversität“ plötzlich deutlich toleranter wird. Es ist aber ebenso unrealistisch anzunehmen, dass Sprache und Konzepte gar keinen Einfluss haben. Wir denken, das Konzept wirkt eher als langfristiger Rahmen, der Einstellungen schrittweise verändern kann. Aber nicht als unmittelbare Lösung für Missverständnisse oder Ausgrenzung.
Im konkreten Alltag lautet die Frage daher oft nicht, ob Neurodiversität Verständnis schafft, sondern wie viel Verständnis neurodivergente Menschen vernünftigerweise erwarten können und welche Anpassungen auf Seiten der neurodivergenten Person bzw. der Gesellschaft jeweils angemessen sind. Das ist letztlich auch eine politische und ethische Frage. Wir entwickeln uns als Menschheit, als Gesellschaft, immer weiter. Und auch dieses Thema ist Teil unserer Evolution, an der jeder und jede von uns teilhaben kann. Schreibt uns gerne eure Erfahrungen oder Gedanken dazu.
Ich wünsche euch einen angenehmen und vielfältigen Sommer!
Liesi
Die Erfahrungen sind so, dass Menschen, die mit Neurodiversität Anderer konfrontiert werden, oft überfordert sind und sich somit eine Grund-Ablehnung zulegen.
Von daher erwähne ich in keiner Weise,
dass ich HSP oder weiteres bin, sondern mir reicht es bzw. tröstet es mich,
dass mein Gefühl, meine Wahrnehmungen, mein Verhalten einen Namen hat, ich mich damit mehr verstehen kann und damit mir auch vergeben kann, heißt, ich fühle mich nicht mehr so falsch, nur weil ich anders.
Es tröstet mich und stärkt mich zugleich.
Niemals würde ich mit meiner „Besonderheit“ bei Anderen „hausieren“ gehen,
weil das meist nur Irritation statt Verständnis und Toleranz auslöst.
Aber ICH weiß, was mit mir los/anders ist, und das reicht mir.
Sehr schön ausgedrückt. Danke! So geht es mir auch.
Wenn man neurodivergente Kinder hat braucht man allerdings manchmal Begriffe die erklären, dass das Verhalten keineswegs auf Dummheit, Gestörtheit oder Bösartigkeit zurückzufuhren ist. Das Wort Störung (z.B. in ADHS oder LRS) allein ist leider schon stigmatisierend. Das Kind wird dann von Gleichaltrigen als gestört abgestempelt. Ich finde die Begriffe Neurodiversität und Hochsensibilität daher echt hilfreich. Ich selbst wurde übrigens vor ca. 45 Jahren im Kindergarten als böses Kind abgestempelt, es tut immer noch weh wenn ich daran denke. Heute weiß ich, dass mein Gehirn anders funktioniert als bei der Mehrheit, damals nicht.
Mir geht es genau so, ich finde es extrem schwierig,Menschen, die nichts darüber wissen, das Thema nahe zubringen. Es hat lange genug gedauert, mich selbst zu verstehen. Ich muss anderen auch nicht erklären, warum ich nach einer Stunde im Café genug habe, ich verabschiede mich einfach freundlich. Es tut gut, die Stärken der Hochsensibilität zu pflegen. Ich sehe auf einem kleinen Spaziergang 100 schöne Dinge durch diese Fähigkeit, so intensiv wahrzunehmen. Oder dass ich wunderbar alleine sein kann, mich mit Kunst beschäftige, keine Zweckbeziehungen eingehen muss, in denen nur Überflüssiges geredet wird.