Beziehungen ·Hochsensible Kinder

Nähe zum eigenen Kind – warum sie für hochsensible Mütter oft mit Schwierigkeiten verbunden ist

Manchmal sind es ja gerade die normalsten Dinge der Welt, die uns hochsensiblen Müttern besonders schwer zu schaffen machen. Wo andere, Nicht-Hochsensible scheinbar mühelos die richtige Balance finden, befinden wir uns in einem endlosen Spagat, der uns immer wieder an unsere Grenzen bringt. So auch im Umgang mit Nähe zu den eigenen Kindern.

Als werdende Mutter (und noch unwissend gegenüber meiner eigenen Hochsensibilität) stellte ich mir das Zusammensein mit meinen Kindern sehr romantisch vor. Immer würde ich für meine Kinder da sein, ihnen jederzeit einen Platz auf meinem Schoß freihalten, dabei sanft durch ihre Haare pusten und die zarte Vertrautheit genießen. Stundenlang würde ich mit ihnen zusammen spielen und sie trösten, wenn sie traurig oder wütend sind. Das machte in meinen Gedanken eine gute Mutter für mich aus. Damals wusste ich noch nicht, dass Hochsensible Sinneseindrücke und Stimmungen um sich herum kaum bis gar nicht filtern können und dadurch überreizt sind, wenn viele dieser Eindrücke zusammenkommen. Und als Mutter von kleinen Kindern ist eine Frau quasi permanent dauerüberreizt.

Ich bin jetzt seit sieben Jahren Mutter und von meinen Traumvorstellungen von damals oft genug weit entfernt.

Jederzeit den Kindern einen Platz auf meinem Schoß anbieten kann ich jedenfalls, wie vorgenommen, nicht. Hampelnde, auf meinen Beinen herumrutschende Kinder, die wieder von meinen Knien gleiten, um gleich wieder hinaufzuklettern, vertragen sich leider nicht mit meinem hochsensiblen Wesen. Ich brauche Ruhe, um ausgeglichen zu sein. Meine Jungs brauchen sie nicht. Zumindest nicht in dem Ausmaß wie ich. Logischerweise, denn Kinder sind kleine Energiebündel, in einem Moment hier, in dem anderen dort und halten es selten länger an derselben Stelle aus. Unsere Kuschelmomente beschränken sich daher hauptsächlich auf die Vorlesezeit, wenn sie gebannt einer Geschichte lauschen, also nebenbei fokussiert sind.

Nähe, so wie ich sie mir als Mutter gerne wünsche, ist in der Umsetzung immer wieder mit Einschränkungen versehen. Nicht nur körperlich betrachtet. Stundenlanges Spielen im Kinderzimmer war noch nie möglich, meine Sehnsucht nach einem geistig-fordernden Niveau bringt mich inmitten von Bauklötzen und Rollenspielen bereits nach fünf Minuten an meine Grenzen.

Es geht beim Thema Nähe aber nicht nur darum, wann sie uns Mütter stört. Gerade hochsensible Mütter, die gerne sehr viel Nähe zu ihren Kindern aufbringen, müssen aufpassen, dass diese Nähe ein gesundes Maß nicht übersteigt.

Wir dürfen etwa nicht Gefahr laufen, zu sehr mit unserem Kind mitzuleiden. Das bedeutet nicht, dass dessen Probleme in der Schule mit dem Lehrer oder der Streit im Kindergarten mit dem besten Freund uns nicht interessieren! Wir dürfen und sollen unbedingt Mitgefühl ausstrahlen, um unserem Nachwuchs zu vermitteln, dass wir uns in ihn hineinversetzen und er die schwere Zeit nicht alleine durchmachen muss. Gerade diese Empathie ist eine große Stärke unserer Hochsensibilität! Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht mitleiden und die Gefühle unserer Kinder nicht als die unseren auslegen. Sonst kann es passieren, dass wir aufgrund der körperlich selbst gefühlten Emotionen (die eigentlich unserem Kind gehören) überreagieren und durch heftige Reaktionen in der Schule oder im Kindergarten alles nur noch viel schlimmer machen. Es bringt uns und vor allem unserem Kind nämlich nichts, wenn wir versuchen, seine Probleme zu lösen und ihn vor vermeintlich aufkommenden Gefahren oder negativen Situationen beschützen zu wollen. Begleiten, da sein und zuhören, Hilfe anbieten oder Lösungsvorschläge offerieren wird unserem Sohn oder unserer Tochter weit mehr helfen, die eigenen Grenzen und Belastbarkeiten zu erspüren und Selbstvertrauen aufzubauen, diese eigenständig aufzuzeigen.

Es geht also darum, eine gesunde Distanz zu schaffen.

Denn die Distanz ist meiner Meinung nach wichtig, vor allem für hochsensible Mütter. Keine Distanz im Sinne von Kühle und Abwehr, sondern ein Abstand, der mir die Chance gibt, mich und meine Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, der aber auch meinem Kind die Gelegenheit gibt, sich in seiner Ganzheit zu spüren. Gerade bei hochsensiblen Kindern sehe ich die Gefahr, dass sie schon früh lernen, zu sehr auf die Bedürfnisse ihres Umfelds reagieren zu müssen, da die Stimmungen der Bezugspersonen ohnehin ungefiltert auf sie einprasseln und sie so ihre eigene Grenze nur schwer erkennen.

Leider passiert uns hochsensiblen Müttern das auch im Alltag, wenn wir nicht achtsam genug sind. Ich persönlich lasse mich beispielsweise oft genug von den Wutanfällen meines Ältesten mitreißen. Seinen Ärger, den er gegen irgendetwas hegt, prallt dann nicht an mir ab, sondern wirbelt meinen eigenen Gefühlshaushalt dermaßen durcheinander, dass ich selbst am Ende genauso aufgewühlt bin wie er. Dabei sollte ich doch eigentlich die gesunde Distanz wahren, um ihn trösten zu können, die Wut auszuhalten und um ihm zu helfen, mit seinen Emotionen angemessen umzugehen.

Diesen Abstand schaffe ich nur, wenn ich mich aufmerksam wahrnehme und aufsteigende Empfindungen in mir sofort hinterfrage: Sind das meine eigenen Gefühle oder habe ich sie von meinem Kind übernommen? Mir persönlich hilft dabei die Vorstellung einer schützenden, unsichtbaren Blase um mich herum, die zwar durchlässig für Worte ist, aber meine Emotionen drinnen, und die Gefühle meines Gegenübers draußen lässt. So fällt es mir leichter, den Überblick zu behalten, nicht selbst emotional zu reagieren und dennoch mitfühlend zu handeln.

Vor allem aber sollten wir hochsensible Mütter in schweren Momenten nicht gleich an unseren Mutterqualitäten zweifeln, weil wir so oft weniger auszuhalten scheinen als nichthochsensible Mütter. In diesem Vergleich täte uns eine größere Distanzierung nämlich auch ganz gut.

Liebe Grüße,

Christine
(Christine ist Bloginhaberin von „Pusteblumen für Mama“, ein Blog für hochsensible, freiheitsliebende Mütter)
www.pusteblumen-fuer-mama.de

3 Gedanken zu „Nähe zum eigenen Kind – warum sie für hochsensible Mütter oft mit Schwierigkeiten verbunden ist

  1. Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag! 🙂

    Ich bin als hochsensible Mutter besonders im ersten Lebensjahr gefühlstechnisch ständig auf der Achterbahn gewesen. In den ersten Lebensmonaten fand ich mich oft in Situationen, die mich überforderten, weil mein Kind überfordert war. Da herrschte ein regelmäßiger „Overload“, von dem ich mich erst im Laufe der Zeit immer besser distanzieren konnte. Heute fühle ich mich dem Mama-Sein deutlich besser gewachsen und ich genieße gerade die schönen Momente so viel intensiver, als mein Umfeld. Hochsensibilität ist oft ein Stolperstein, aber vor allem das größte Geschenk – auch für Mamis.

    Viele Grüße

  2. danke für den Beitrag! Ich habe eine Tochter, die inzwischen 22 Jahre alt ist. oft habe ich viel mehr gelitten als sie, zum Beispiel als sie in den Kindergarten ging, als sie plötzlich in die Schule ging, wenn sie Streit mit Freundinnen hatte… Dann mit 15 für ein Austauschjahr nach USA ging. Das Austauschjahr war eine einzige Katastrophe, da sie in unterschiedlichen Familien untergebracht worden ist, jeden Tag bei mir anrief, und ich mit ihr mit gelitten habe . ich konnte mich nie richtig distanzieren, bin manchmal mitten in der Nacht wach geworden, weil ich ihren Schmerz gespürt habe. Wir haben oft eine telepathische Verbindung. es ist ganz wichtig anzuerkennen, dass es ihr Leben ist, ihre Schmerzen, ihre Fehler, ihr Unglück. und sich wirklich davon zu distanzieren… Was ich damit sagen will: Es wird nicht besser, je älter die Kinder werden. Es trifft eher der Spruch zu: kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen. Also rechtzeitig damit beginnen, sich abzugrenzen! So schwer es auch sein mag. Im Endeffekt helfe ich meiner Tochter mehr, wenn ich stärker bin als sie. Wenn ich ihr Ratschläge gebe, wenn sie weint und nicht mit ihr mit leide… Danke für den schönen Artikel.

  3. Das ist sehr schön in Worte gefasst und spricht mir aus der Seele. Mein Junior wird nun schon 24 Jahre und damals wusste man noch nichts von Hochsensibilität. Ich kann jeden einzeln Satz so nachvollziehen. Dachte auch oft was bin ich denn für eine Mutter , einfach mal ohne Kind was tun, das war oft mein Wunsch. Und als er älter wurde hat es mir soviel zu schaffen gemacht gefühlte 50 mal am Tag ins Auto steigen und ihn irgendwo abzuholen oder hinzufahren. Damals war man recht alleine damit. Deshalb danke für den Beitrag, tut im Nachhinein noch gut sowas zu lesen und zu wissen, das es anderen Müttern auch so geht 🙂

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