allgemein

Meine Corona-Zwangspause – die ersten Wochen

Die Corona-Pandemie wirft uns zurück auf uns selbst, Sicherheiten lösen sich auf. Seit über drei Wochen lebe ich mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in Zwangspause. Wie nahe doch ersehnte Ruhe und schmerzhafte Einsamkeit beisammenliegen können, das wird mir in dieser Zeit besonders bewusst.

Wie oft wir uns nach Kontakten sehnen, obwohl sie uns auch immer wieder überfordern, stressen, unglücklich machen. Wie wir uns in unserer Arbeit beweisen und Sinn finden möchten, und uns doch oft dabei überfordert fühlen, oder fremdbestimmt, wie in einem Hamsterrad.

Diejenigen von uns, die allein leben, haben jetzt mehr Ruhe als ihnen lieb ist. Und viele Familien mit Kindern haben mehr Nähe, als verkraften können.

Etwa 70% Prozent der Hochsensiblen sind von Natur aus introvertiert, im Alltag sehnen sie sich oft nach mehr Rückzug. Es gibt aber auch ca. 20% HSP, die ausgesprochen extrovertiert sind, sogenannte „Sensation seeker“. Bei Problemen oder Herausforderungen möchten sie voranpreschen, handeln, Lösungen finden, sich mit Anderen austauschen, Pläne schmieden. Ich gehöre zu den Extrovertierten. Jetzt bin ich auf mich zurückgeworfen, das lässt mich meine Ungeduld, meine Getriebenheit spüren. Doch immer öfter bin ich ganz zufrieden darüber, dass ich mehr mit mir allein sein darf und mehr unverplante Zeit habe.

Die Zeit bietet sich an für eine Bestandsaufnahme: Was ist mir wichtig? Was ist mir heilig? Was habe ich immer wieder verschoben, weil es immer etwas dringenderes zu tun gab? Was wünsche ich mir vom Rest meines Lebens? All diese Fragen stehen mir vor Augen, oft versuche ich, sie beiseite zu schieben z.B. durch Fernsehen, aber dann merke ich, dass ich meine Zeit damit ‚totschlage‘ und dann achte ich wieder mehr auf mich selbst und auf die Qualität dieser Zeit.

Trotz Isolation wissen wir voneinander, wir wissen, dass Millionen Menschen in einer ähnlichen Situation sind wie wir. Die Medien liefern uns täglich immer neue herzerwärmende Beispiele von Kreativität, Hilfsbereitschaft und Mut.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen.“

Ich freue mich schon darauf, wieder mit ein paar lieben Menschen zusammensitzen und plaudern zu können. Aber ich habe mir auch vorgenommen, öfter „nein“ zu sagen und mich mehr auf das zu konzentrieren, was für mich wesentlich ist.

Bleiben Sie gesund und bleiben wir in Kontakt!

Herzliche Grüße,
Liesi

Zitat von der Webseite https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/

Tipp: Kartenset zum Gratis-Download „Stärkende Sätze für beispiellose Zeiten“

3 Gedanken zu „Meine Corona-Zwangspause – die ersten Wochen

  1. Die willkommene Corona-Pause und die Erkenntnis, dass sie für mich noch nicht lange genug gedauert hat…

    Liebe Liesi,
    vielen Dank für diese Gegenüberstellung der verschiedenen Aspekte und dadurch ausgelösten Gefühle und Bedürfnisse! Viele HSP in meinem Freundes- und Bekanntenkreis würden Ihre Analyse bestätigen.

    Vorweg: Möglicherweise gehöre ich trotz meiner Tätigkeiten, die eher im Außen stattfinden, zu den introvertierten Modellen. 😉 Trotzdem habe ich Verständnis für alle, die sich nach der „Normalität“ vor Corona sehnen, die ins Restaurant, auf Konzerte, shoppen gehen wollen. Denen der direkte Kontakt zu ihren Freunden und Verwandten fehlt. Die einsam sind und gerade jetzt sehr darunter leiden.

    Für mich jedoch war die Ausnahmesituation nicht lang genug. Denn als mein Geist sich langsam daran gewöhnt hatte, dass es jetzt überall so ruhig ist, der Himmel so klar, Geschäfte und Autobahnen leer, gab es schon die ersten Lockerungen, wird es wieder lebendig in den Innenstädten. Das Gefühl, Wesentliches verpasst und die Krise nicht vernünftig genutzt zu haben, ist präsent – und anstrengend.

    Ich hätte so vieles tun können während der Ausgangssperre! Mich erden, Unerledigtes erledigen, den Garten umgraben, den Keller aufräumen, meine Steuererklärung machen, Newsletter, Geschichten, ein Buch schreiben… Stattdessen habe ich mich auf Sein beschränkt. Geschnuppert, lange Spaziergänge mit meinem Hund, nur das eingekauft, was ich wirklich notwendig brauchte. Und dabei festgestellt, dass mir die erzwungene Entschleunigung die Erlaubnis gab, auch selbst einmal langsam zu werden.

    Und nun? Die Straßen beleben sich, um mich herum fühlt es sich wieder beengt an (auch, weil in mir der Anblick von Menschen mit Masken starke Beklemmungen auslöst), wir kehren im Rahmen des Möglichen zur „Normalität“ zurück.

    Aber da will ich gar nicht hin! Und frage mich jetzt, ob oder bestenfalls wie es mir gelingen kann, mir diesen so angenehmen Zustand von Entschleunigung und Beschränkung zu erhalten und trotzdem sozialkompatibel zu sein. Weiterhin auf das zu verzichten, was mir nicht hilfreich ist und gleichzeitig die zitierten „neuen Möglichkeitsräume“ zu finden.

    Ich melde mich, wenn ich einen (neuen) Weg gefunden zu haben glaube! 😉

    Haben Sie es gut – in und bei allem, was da kommen mag!

    Sabine

    1. Liebe Sabine, danke für deinen schönen und achtsamen Bericht, der mir zu Herzen geht. Ja auch ich werde die vielen Sterne am Himmel vermissen und die sonntägliche Ruhe auch an Wochentagen. Ich wünsche uns allen, dass wir gute Wege finden, um uns etwas mehr Ruhe zu bewahren, und ich freue mich sehr, wenn du wieder schreibst. Liebe Grüße, Liesi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.