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Masking als soziale Anpassungsstrategie – und Wege zurück zur Wahrhaftigkeit

Heute möchte ich ein paar Gedanken mit euch teilen, die sich in einem Gespräch mit einer befreundeten Psychologin entwickelt haben.

Was ist Masking?

Masking (auch soziales Maskieren genannt) bezeichnet das bewusste oder halb-bewusste Verbergen von eigenen Gefühlen, Bedürfnissen oder Eigenheiten, um den sozialen Erwartungen zu entsprechen und um Konflikte zu vermeiden. Und das Imitieren sozial erwünschter Signale (z.B. Lächeln, Smalltalk), ohne es innerlich zu „meinen“.

Der Ausdruck Masking oder Maskierung ist im Laufe der Zeit aus unterschiedlichen kulturellen, literarischen und wissenschaftlichen Strömungen hervorgegangen. Besonders in Zusammenhang mit Neurodivergenz (z.B. Autismus, Hochsensitivität, ADHS) wird dieser Begriff häufig verwendet.

Was hat das mit Hochsensibilität zu tun?

Hochsensible Menschen haben oft starke Gefühle, nehmen ihre Umwelt oft intensiver wahr und haben hohe Ideale, die ihnen sehr wichtig sind. Wenn wir In einem Umfeld sind, das großteils aus Nicht-Hochsensiblen besteht, bedeutet Anpassung oft das Unterdrücken von großen Teilen dessen, wie wir fühlen, und ein Zurückhalten unseres Selbstausdrucks. Viele von uns tun fast ständig so, als sei „alles normal“, auch wenn wir uns innerlich befremdet fühlen oder alarmiert oder wir uns überfordert fühlen.

Die Grenzen zwischen sinnvoller Anpassung und Masking sind fließend. Oft ist es sinnvoll, sich nicht authentisch zu zeigen: Bei Gefahr, in Prüfungssituationen, oft auch am Arbeitsplatz.

Was sind die Nachteile?

  • Je weiter unsere Persönlichkeit und unser Innenleben von dem entfernt sind, was als normal, gesund, robust, usw. gilt, umso größer ist die Anstrengung, die es kostet, um sich anzupassen. Das verbraucht viel Energie und kann zu sozialer Erschöpfung führen, bis zu einem Burnout.
  • Wenn die Mitmenschen nur die Maske kennen, fühlen Betroffene sich oft nicht verstanden, nicht gemocht und nicht gemeint, wenn andere mit ihnen in Kontakt sind.
  • Manche neurodivergente Menschen (wie etwa hochfunktionale Autisten) maskieren so erfolgreich, dass die Umwelt ihre Schwierigkeiten übersieht und Hilfen ausbleiben.
  • Wenn Menschen sich nicht sicher und nicht in ihrer Eigenart wertgeschätzt fühlen, so passen sie sich oft so stark an soziale Erwartungen an, dass dies zur Gewohnheit wird. Die Maske wird zur zweiten Natur. Die Unterdrückung des eigenen Innenlebens und das Nachahmen von konformen -„üblichen“- Verhaltensweisen werden auch dann aufrecht erhalten, wenn dies gar nicht notwendig wäre: Bei Menschen, die echtes Interesse an der eigenen Person haben, bei sicheren, wertschätzenden Menschen, die keine Erwartungen oder Forderungen haben, sondern echtes Kennenlernen, Kontakt und Austausch möchten. Dann verhindert dieser Schutzmechanismus tiefere Beziehungen.

Wie können Betroffene das ändern?

Wenn Sie sich in den Beschreibungen teilweise wiederfinden, dann fragen Sie sich vielleicht, wie man da wieder heraustreten kann. Das kann schwierig sein, wenn das angepasste Verhalten gleichsam zur zweiten Natur geworden ist und die eigenen Wünsche und Gefühle zu schweigen gelernt haben.

Aber es ist gar nicht so schwer, kleine Schritte gehen immer!

Ein erster wichtiger Schritt ist, zu erkennen, wann die Maske besonders stark hochgefahren wird:

  • Sind es bestimmte Auslöser? Bestimmte Menschen? Oder vielleicht (fast) alle Menschen? Oder vielleicht nur in Konkurrenzsituationen? Oder wenn jemand anwesend ist, den/die du attraktiv findest? Usw.
  • Welche Gefühle möchtest du nicht zeigen?
  • Welche Gedanken möchtest du nicht aussprechen oder vielleicht nicht einmal zu Ende denken?

Masking ist nicht nur mental – es zeigt sich auch körperlich – achte darauf:
* Automatisch lächeln, obwohl du genervt oder traurig bist
* Die Stimme verstellen
* Die Schultern verkrampfen
* Erstarren
* Flach atmen, um weniger zu spüren

Masking reduzieren als hochsensibler Mensch – ein Weg zurück zu dir selbst

In kleinen Schritten beginnen, wie zum Beispiel:
* Nicht mehr in bestimmten Situationen zwangsläufig lächeln, wenn dir nicht danach zumute ist
* Sich kleine Pausen gönnen „Ich brauche kurz frische Luft“
* Eine Unterbrechung eines anstrengenden Gesprächs erbitten: „Können wir später weiterreden? Ich bin gerade überladen.“
* Unangenehme Orte verlassen: „Können wir einen ruhigeren Platz wählen?“
Sichere Menschen suchen:
Gibt es jemanden, bei dem du dich fallen lassen kannst? Wo du entspannt und emotional sein kannst, wo du dich frei fühlst? Falls ja: Das ist sehr gut! Falls nicht, so kann auch ein therapeutisches Setting gut geeignet sein, wahrscheinlich eher ein Einzel-Setting.
Eigene Bedürfnisse kommunizieren – das reduziert Masking langfristig stark.
Dabei ist es gut, wenn du dich auch auf Widerstand gefasst machst. Wenn man authentischer wird, reagieren manche Mitmenschen erst mal irritiert. („Was hast du nur auf einmal?“)

Wichtig: Nur dort Masking weiter abbauen, wo du echte Sicherheit findest.

Authentischer zu werden bzw. Masking abzubauen bedeutet nicht, dass wir alle sozialen Regeln über Bord werfen sollen. Aber es bedeutet, sich der eigenen Identität mehr bewusst zu werden und dem eigenen Wesen mehr Raum zu geben.

Mach dir aber deswegen keinen Druck. Geh in kleinen Schritten voran! Du hast nichts falsch gemacht, wenn du in der Vergangenheit deine Maske sehr oft hochgefahren hast; du wolltest dich schützen und ein Teil einer Gemeinschaft sein. Und das ist auch weiterhin völlig legitim. Aber es ist schön, wenn du Orte und vielleicht Menschen findest, wo du dich frei fühlst, dein ureigenstes Wesen auszuleben.

Du musst dafür nicht perfekt ehrlich, radikal authentisch und und konsequent unangepasst sein. Es sind nicht alle Menschen und Situationen sicher. Und oft ist es für ein harmonisches Zusammenleben wichtig, gewissen Erwartungen zu entsprechen. Besonders in Teams ist es geradezu eine Voraussetzung für Erfolg. Wenn dich dein Maskieren dort, wo es unnötig ist, selbst stört, so kannst du es in kleinen Schritten zurückfahren. Sei mit dir geduldig und liebevoll, wähle achtsam aus, wo und bei wem du sicher bist – und freue dich zu erleben, wie befreiend es ist, immer mehr du selbst zu sein – unverstellt, feinfühlig und echt.

Ganz viel innere Ruhe und Freude wünscht dir
Liesi

P.S.: Ich freue mich, wenn du uns deine Gedanken dazu schreibst.

7 Gedanken zu „Masking als soziale Anpassungsstrategie – und Wege zurück zur Wahrhaftigkeit

  1. Vielen lieben Dank für diese wichtigen und hilfreichen Informationen über das Maskieren des eigenen Selbst. Für mich steht noch im Raum, dass es auch wichtig ist zu akzeptieren, wenn das Masking das Anderssein nicht gänzlich verdecken kann. Masking hilft, um akzeptiert zu werden. Das nicht zu verbergende eigene Authentische wird öffentlich akzeptabel, wenn ich mir unter der Maske dessen bewusst und damit einverstanden bin.

  2. Danke für diesen Text. Ich arbeite seit einigen Jahren mehr und mehr daran meine Masken abzulegen und mache damit unterschiedliche und auch schmerzende Erfahrungen. Ich habe keine Lust mehr zu lächeln wenn ich überreizt bin. Das scheint Menschen in meinem Umfeld zu irritieren.

    Gleichzeitig bemerke ich seit einigen Jahren Menschen, die ich als nicht authentisch erlebe. Das empfinde ich teilweise als verlogen und falsch. Als feinfühliger Mensch mit feinen Instinkten passen meine Wahrnehmungen und wie sich mein Gegenüber gibt oft nicht zusammen. Meine Bewertung ist dann schnell: „Die/der trägt immer nur eine Maske = ist falsch.“

    Dein Text erweitert meine Sicht auf das Thema masking und dass es auch viele gute Gründe dafür gibt die Maske zu tragen. Ich denke ich werde versuchen ein wenig gnädiger mit meinen unterschiedlich maskierten Mitmenschen und mir selbst zu sein.

    Nochmals Danke!

  3. Komisch Komisch dass ich in Gruppen als reserviert galt, so sahen mich die Leiter.
    Dabei gehe ich sofort auf Neue zu, arrangiere auch Kontakte derer zu
    anderen. Schrecklich, so beurteilt zu werden.
    Also machte ich es anders. Ich sprach mit andren nicht viel und stellte mich in der Pause allein hin.
    Nun kam diese Beurteilung nicht. Andere gingen auf mich anerkennend zu.
    Was beobachtet worden war, war meine Enttäuschung, und dass die anderen mehr Kontakt zueinander hielten.? Weiß ich nicht!!Seit ich 60 bin, ist mir das alles wurscht, das sage ich jüngeren Hochsensiblen.

  4. Ich merke, dass mich das Masking enorm anstrengt und es mir besser geht wenn ich einfach so bin wie ich bin. Entweder mögen die Menschen mich so wie ich bin. Ich hab aufgehört von jedem akzeptiert werden zu müssen. Dazu kann ich das Buch „zu viel gedacht, zu wenig gelebt“ von Kai Lehnik empfehlen. Auszug: „Hör auf dein Leben nach den Erwartungen anderer zu gestalten und fang an, es nach deinen eigenen Vorstellungen zu leben.“

  5. Wie komme ich an so eine Maske? Sie könnte mir sehr nützlich sein. Das Ablegen ist meine geringste Sorge, eher frage ich mich, wie ich sie hochfahren soll, wenn ich darunter noch atmen möchte…

    1. Hallo Nina, die einfache Form der Maske ist die Sonnenbrille. Für mich war und ist Augenkontakt etwas hochintensives. Wenn ich (mal wieder)denke, jetzt ist Zeit fürs Refugium kommt die Sonnenbrille auf die Nase.

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