Sensibilität und Resilienz

Hochsensibilität –  Vulnerabilität – Resilienz

– drei Begriffe, die immer wieder miteinander in Verbindung gebracht werden.

Bis heute gibt es die Ansicht, sogar unter Psychologen, Therapeuten und Ärzten, dass Vulnerabilität (=Verletzlichkeit, von lateinisch vulnus „Wunde“) mit Hochsensibilität gleichzusetzen sei. Das liegt vermutlich z.T. daran, dass das Konzept der Hochsensibilität als natürlichem Wesenszug noch kaum in Fachkreisen Einzug gehalten hat. Zwar haben renommierte Forscher und Denker wie z.B. Iwan Pawlov und Carl Gustav Jung bereits vor nahezu hundert Jahren darüber publiziert, aber das Thema hat trotzdem noch immer nicht ausreichend in der Gesellschaft angekommen. D.h.Wissen darüber gehört noch nicht zur Allgemeinbildung. Das könnte daran liegen, dass dieses Phänomen subtil ist und nicht ganz einfach abzugrenzen. Wir versuchen hier, Hochsensibilität von Vulnerabilität abzugrenzen, ferner den Begriff Resilienz vorzustellen, sowie die mögliche Bedeutung von Resilienz für uns Hochsensible.

Wikipedia nennt Resilienz das Gegenteil von Vulnerabilität. Und auf www.planet-wissen.de erfahren wir, dass Resilienz erlernbar ist, vor allem für Kinder. Wir wollen hier die Spreu vom Weizen trennen, und schauen, wie wir als hochsensible Menschen von den Ergebnissen der Resilienzforschung profitieren können.

Hochsensibilität

Hochsensibilität wollen wir hier nicht nochmal definieren, nur auf den in diesem Zusammenhang sehr relevanten Aspekt hinweisen, dass sie eine Wahrnehmungs-Begabung ist, und als solche höchstens geschult, aber nicht entfernt oder ‚geheilt‘ werden kann.

Vulnerabilität

Vulnerabilität ist ein Begriff aus der Psychologie und Psychiatrie (er wird auch in anderen Fachgebieten verwendet, z.B. in der Ökonomie oder der Soziologie, wo er aber verschiedene Bedeutungen hat. Wir befassen uns hier mit der psychologischen Vulnerabilität.) Sogenannte vulnerable Personen werden besonders leicht emotional verletzt und entwickeln eher Neurosen oder andere psychische Störungen.

Somit wird verständlich, wieso Menschen, die nicht genau hinschauen, Hochsensibilität mit Vulnerabilität gleichsetzen. Denn hochsensible Kinder brauchen verlässlichere Betreuungs­personen sowie mehr Pausen für Ruhe und Verarbeitung, um sich gesund zu entwickeln und zu lernen, mit der Informationsflut umzugehen. Wenn sie das nicht bekommen, neigen sie mehr zu emotionalen Verletzungen und längerfristigen Störungen, als weniger sensible Kinder.

Jedoch, in der Psychologie wird die vulnerabile Persönlichkeit mit folgenden Eigenschaften beschrieben:

  •  aktiv, impulsiv und leicht zu ärgern
  • schnell gelangweilt
  • wenig Einfühlungsvermögen
  • oft unterdurchschnittlicher IQ

Jeder, der sich ein bisschen mit Hochsensitivität beschäftigt hat, kann leicht erkennen, dass die obigen Beschreibungen mehrheitlich nicht für hochsensible Menschen zutreffen. Zwar bewirkt beides eine erhöhte Anfälligkeit für Verletzungen, trotzdem sind es zwei separate Phänomene.

Resilienz

Resilienz bezeichnet laut Wikipedia die Stärke eines Menschen, Lebenskrisen wie schwere Krankheiten, lange Arbeitslosigkeit, Verlust von nahestehenden Menschen oder ähnliches ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen. So werden zum Beispiel Kinder als resilient bezeichnet, die in einem ungünstigen sozialen Umfeld aufwachsen, das durch Risikofaktoren wie zum Beispiel Armut, Drogenkonsum oder Gewalt gekennzeichnet ist, und sich dennoch zu erfolgreich sozialisierten Erwachsenen entwickeln. Resiliente Personen haben gelernt, dass sie es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Sie vertrauen nicht auf Glück oder Zufall, sondern nehmen die Dinge selbst in die Hand. Sie ergreifen Möglichkeiten, wenn sie sich bieten. Sie haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten.

Auch Menschen, die nach einem Trauma, wie etwa Vergewaltigung, dem plötzlichen Verlust nahestehender Angehöriger oder Kriegserlebnissen nicht aufgeben, sondern die Fähigkeit entwickeln, weiterzumachen, werden als resilient bezeichnet. Das negative Gegenstück zur Resilienz wird Vulnerabilität genannt.

Beide, sowohl die Vulnerabilität als auch die Resilienz, sind erworbene Eigenschaften, während Hochsensibilität angeboren ist. Vulnerabilität und Resilienz stellen die beiden Extreme einer Skala dar, die von Hochsensibilität völlig unabhängig ist.

Die Ergebnisse der Resilienzforschung machen laut www.planet-wissen.de Hoffnung – auch wenn man nicht zu den Menschen gehört, denen Resilienz mit der Muttermilch verabreicht wurde. Unter bestimmten Voraussetzungen kann fast jeder sein seelisches Immunsystem aufpäppeln, meinen die Fachleute. Denn Resilienzforscher sind überzeugt davon, dass  ein die Resilienz förderndes Verhalten erlernbar ist. Am besten sollten schon Kinder damit anfangen.

Resilienz bzw. Widerstandsfähigkeit kann man fördern – gerade bei Kindern

Ursula Nuber, Diplompsychologin, Psychotherapeutin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Psychologie heute“, hält dabei drei Dinge für wichtig:

1.)    Man solle ein Kind für das loben, was es leistet, und nicht für seine Eigenschaften. ‚Die Zeichnung ist dir gut gelungen‘ sei also besser als ‚Du bist so begabt‘. So lernt es, Vertrauen in seine Kompetenz zu entwickeln.

2.)    „Ein Kind sollte außerdem wissen, dass es immer verschiedene Sichtweisen auf eine Situation gibt“, sagt Nuber.

3.)    „Und drittens ist es wichtig, dass ein Kind angeleitet wird, Freundschaften zu finden und zu pflegen.“

Erwachsenen, die resilient werden wollen, rät Ursula Nuber: „Ganz wichtig ist es, nicht in selbstschädliches Grübeln zu verfallen. Die Gedanken, die wir uns zu einem Geschehen machen, verursachen Gefühle – und diese wiederum leiten unser Handeln.“ Wenn ein Mensch also etwa glaube, dass er vom Pech verfolgt sei, mache ihn das verzweifelt und lähme seine Handlungsfähigkeit. „Denkt er dagegen: ‚Dieses Mal hatte ich Pech‘, ist seine Stimmung zuversichtlicher, und er hat Hoffnung, die Situation beherrschen und verbessern zu können.“

Weitere Anregungen für wachsende Resilienz:

Die amerikanische Psychologenvereinigung hat sogar eine Anleitung zum Erlernen von Resilienz herausgegeben. Laut „road to resilience“ sollen folgende Verhaltensweisen zum Ziel führen:

  • Sorge für dich selbst
  • Glaube an deine Kompetenz
  • Baue soziale Kontakte auf
  • Entwickle realistische Ziele
  • Verlasse die Opferrolle
  • Nimm eine Langzeitperspektive ein
  • Betrachte Krisen nicht als unüberwindbares Problem.

Dass sich solche Ratschläge nicht immer einfach umsetzen lassen, weiß jeder, der es schon versucht hat – speziell wenn man eine persönliche Geschichte mit schlechten Erfahrungen hat. Aber sie sind ein Silberstreifen am Horizont, und mit kompetenter psychologischer oder seelsorgerischer Begleitung wird es den meisten hochsensible Menschen möglich sein, allmählich eine wachsende Resilienz zu entwickeln. Es empfiehlt sich, einen Punkt nach dem anderen anzupacken, und eine langfristige Perspektive einzunehmen. Genau hinschauen, was in uns hochkommt wenn wir das beabsichtigen, uns den Gefühlen des Versagens, der Ablehnung usw. stellen. Die Lügen und Einschärfungen, die uns das zu verunmöglichen scheinen, identifizieren und uns davon lossagen. Trost und Heilung suchen für die negativen Erfahrungen, die solche Haltungen bestärkt und zementiert haben. Ein langer Weg vielleicht, und am Anfang mag es so scheinen, als ob sich nichts ändert, aber mit Beharrlichkeit werden allmählich mehr und mehr Anzeichen einer wachsenden Resilienz neue Motivation liefern. Resilienz ist erlernbar!