Das hochsensible Kind aus ergotherapeutischer Sicht

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Aus neurologischer Sicht versteht man unter Wahrnehmung den Prozess der Informationsaufnahme aus den Umwelt ‐  und Körperreizen (äußere und innere Wahrnehmung) und der Weiterleitung, Koordination und Verarbeitung dieser Reize im Gehirn. (vgl. Das Leben vor dem Leben, Zimmer, 1995)

Bei hochsensiblen Personen, reagiert das „Nervenkostüm“ sehr empfindlich. Hoch sensible Menschen nehmen mehr Reize aus ihrer Umwelt und von ihrem Körper wahr (die Reize werden gesteigert wahrgenommen bzw. anders moduliert ‐ weitergeleitet und verarbeitet), als nicht sensible Menschen.

Es können Reize sein, die den Spürsinn, den Gleichgewichtssinn, den Sehsinn, den Gehörsinn, den Geschmackssinn und/oder den Geruchssinn betreffen.

Hochsensible Kinder: Ihre hohe Sensibilität kann sich in folgenden Bereichen äußern:

Spürsinn:

  • Das Kind reagiert empfindlich bei bestimmten Materialien; kann irritiert sein bei flauschiger Kleidung
  • verweigert das Tragen von neuen Kleidern; Rollkragenpullovern, Schals, Skioveralls… (mag z.B. auch keine Etiketten bei T ‐ Shirts)
  • mag starke Temperaturschwankungen nicht (z.B. mag im Winter nicht nach draußen, mag nicht, wenn Schnee ins Gesicht fällt)
  • das Kind wendet sich bei leichter Berührung ab
  • es bevorzugt, andere zu berühren, als selbst berührt zu werden
  • lehnt das Essen mit den Händen ab
  • mag nicht, wenn Hände oder Gesicht schmutzig werden
  • verweigert Fingerfarben oder matschige Sachen (spielt lieber Sand mit der Schaufel, oder lässt andere das Graben erledigen)
  • zeigt Ablehnung beim Barfußgehen
  • mag das Duschen nicht
  • weint beim Frisieren, Haareschneiden, Zähneputzen

Gleichgewicht:

  • Das Baby reagiert mit Schreien und Steifmachen bei jedem Positionswechsel, z.B. wenn es zum Wickeln hingelegt wird
  • Vermeidet als Baby die Bauchlage
  • Krabbelt und robbt kaum; kommt gleich zum Stehen hoch
  • Das Kind zeigt Ängstlichkeit bei Bewegungsspielen, am Spielplatz, beim Stiegen steigen
  • Mag keine schnellen Bewegungen
  • vermeidet Aktivitäten, wo die Beine keinen Bodenkontakt haben, (das Kind hat Angst, wenn es in die Höhe gehoben wird)
  • Übelkeit und Erbrechen bei Bewegungserfahrungen wie Autofahren, Schaukeln; schaukelt nicht gerne oder nur sehr vorsichtig

Sehsinn, Gehörsinn:

  • Das Kind hört und sieht als Baby schon sehr viel, z.B. dreht Kopf beim Trinken bei Geräuschen im Raum weg
  • Nimmt auch leise Geräusche gut wahr
  • Sieht jedes Detail, kann sich in Details verlieren
  • Ist beim Fernsehen schnell überfordert
  • Mag Lärm und Licht beim Einkaufen nicht
  • Ist in der Schule von sehr bunt dekorierten Klassenzimmern schnell abgelenkt
  • Nimmt in der Klasse alles wahr, hört jedes Flüstern

Geschmacks‐ und Geruchssinn:

  • Mag keine intensiven Gerüche oder Geschmäcker
  • Ist heikel beim Essen
  • Mag das Essen nicht zu heiß oder kalt
  • Mag keine Kohlensäure
  • Vermeidet breiige Konsistenz beim Essen
  • Bei ungewohntem Essen reagiert es mit Würgereflex
  • Mag keine Duftkerzen oder Parfüms

Bei einem hoch sensiblen Kind können sich generell folgende Verhaltensweisen zeigen:

  • Mag keine Veränderungen
  • Vermeidet viel, blockt ab
  • Neigt dazu, immer wieder das Gleiche zu spielen
  • Hat oft Angst
  • Zieht sich in der Gruppe zurück oder wird schnell weinerlich oder auch aggressiv

Welche Aktivitäten oder Tätigkeiten tun meinem hoch sensiblen Kind gut?

  • Aktivitäten, die nun viele Informationen vom Körper liefern (aus Muskeln, Gelenken und Bändern) wirken bei einer Übererregung beruhigend und organisierend. D.h. bestimmte Reize (z.B. Berührungen) können dann angepasster wahrgenommen und verarbeitet werden, bzw. Ihr Kind reagiert auf bestimmte Reize geordneter.
  • Schieben, ziehen, heben, tragen, klettern,… sind Tätigkeiten, die aktiven Druck auf die Muskulatur ausüben. Das wiederum hat eine organisierende Wirkung auf das Nervensystem.
  • Auch feste langsame Berührungen sind beruhigend (z.B. feste Umarmungen, feste Massagen, Einwickeln in eine Decke, mit kleinen Bohnensäckchen beschweren,…)
  • Bewegung die langsam und rhythmisch ausgeführt wird, ist ebenfalls beruhigend. (Radfahren, Schaukeln in eine Richtung etc.)

Viele Tipps für den Alltag finden Sie in dem Artikel: Tipps für den Alltag für Eltern von hochsensiblen Kindern aus ergotherapeutischer Sicht

Christine Mittermayr, Ergotherapeutin, Arnreit