allgemein ·Gesundheit

Hochsensibilität – muss man das ernst nehmen?

Ein sehr kritischer Artikel auf www.doccheck.com  – diesmal aus der medizinischen Ecke. Allerdings sehr populär-medizinisch, denn die Recherche ist dürftig. Teilweise gewinne ich auch den Eindruck, dass sich das Phänomen Hochsensibilität auf Grund seiner komplexen Zusammenhänge Menschen, die es nicht aus eigenem Erleben kennen, offensichtlich schwer erschließt.

Völlig berechtigt ist natürlich die Kritik an der Offensichtlichkeit der Fragebögen. Auch der Test hier auf unserer Seite -der im Bericht auch ausdrücklich zitiert wird- ist ziemlich durchsichtig, und daher nur als Anhaltspunkt gedacht, und nicht als autoritatives „Diagnose“-Tool. Es geht uns auf zartbesaitet.net ja um praktische Hilfestellungen für Menschen, die sich subjektiv als dünnhäutig erleben. Dabei ist es uns egal, ob der oder diejenige „tatsächlich“ hochsensibel ist – wenn der Mensch von den Informationen insofern profitiert, dass die Lebensqualität steigt, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Zutiefst zustimmen kann ich dem Autor, dass die Wissenschaft keine Argumente liefern würde, die ein neues Krankheitsbild rechtfertigen. Genau, Hochsensibilität ist ja auch keine Krankheit. Interessant nur, dass einige Absätze weiter oben der Psychologe Jens Asendorpf zitiert wird, der der Ansicht sein soll, Hochsensibilität wäre „eine Unterklasse von Neurotizismus„. (Gemeint ist vermutlich ein hoher Neurotizismus-Wert.)

Die Tatsache, dass Hochsensibilität -und das insbesonders, wenn schlecht informierte Eltern und Lehrer nichts davon wissen und dem sensiblen Kind somit auch den angemessenen Umgang mit diesem Wesenszug nicht beibringen können- sowohl für positive als auch für negative Einflüsse empfänglicher macht, und daher indirekt bei belastenden Kindheitssituationen seelische Verletzungen und die daraus resultierenden Persönlichkeitsstörungen begünstigen kann, dürfte für den Autor des Artikels und für so manche andere ‚Fachperson‘ zu schwierig zu erfassen sein. Vielleicht würde da der simple Vergleich mit Rothaarigkeit helfen – wer nicht lernt damit umzugehen und versucht so zu leben wie alle anderen auch, wird viel öfter schmerzenden Sonnenbrand erleben, und hat in der Folge ein erhöhtes Hautkrebsrisiko.

vergrößerte Amygdala im Scan
Folie von Dr. Michael Pluess‘ Vortrag am HSP-Kongress 2017 in Münsingen (Copyright bei Michael Plüss)

Und beim Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse wurde nicht ausreichend recherchiert. Bei den biologischen Korrelationen wurde z. B. die viel größere Amygdala nicht erwähnt. Dankbar bin ich hingegen für den Satz der kanadischen Forscherin Karin Sobocko, deren (kostenpflichtige) Studie u. a. angeblich besagt, dass es „zu kurz gesprungen ist, Hochsensibilität auf Leiden zu reduzieren“. Interessant auch die in dem Artikel erwähnte Studie von Margrit Schreier von der Jacobs Universität Bremen, die einen Zusammenhang von Hochsensibilität und multipler Chemikaliensensitivität für wahrscheinlich hält. Wundert wahrscheinlich niemanden wirklich, aber schön es aus wissenschaftlich berufenem Munde zu hören.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich es als positiv sehe, dass Hochsensibilität auf der medizinischen Infoseite nichts verloren hat. Dass etwas jedoch als inexistent dargestellt wird, nur weil es keine Krankheit ist, spricht nicht dafür, dass Vielfalt als Wert in unserer Gesellschaft anerkannt ist, unbeschadet der vielen Lippenbekenntnisse in dieser Richtung.

Autor: Georg Parlow

9 Gedanken zu „Hochsensibilität – muss man das ernst nehmen?

  1. Als ich mich die erstem Male mit Hochsensibilität beschäftigt habe, war es eine Berfreiung.
    Die letzten 2 Jahre bringt es mir für meinen Alltag nichts mehr. Er wird für mich selbst immer schlimmer.

    1. Ich weiß seit 9 Jahren von meiner Hochsensibilität. Mir hat das sehr geholfen, die Reaktionen in meiner Umgebung zu verstehen. Die meisten können nicht nachvollziehen, was ich besser kann und was nicht geht. Aber ich verstehe auch mich immer besser, ich genieße meine reiche Welt. Ich stehe positiv zu meiner Eigenart und höre mehr auf meine Bedürfnisse. Ich mag mich.
      Was meinen Sie mit „bringt es mir für meinen Alltag nichts mehr“? Was erwarten Sie ? Es war doch eine Befreiung, natürlich andert das bei den Anderen meist nichts. Sehen Sie doch die Chancen.
      Alles Gute
      Verena

    2. Die Erkenntnis HSP zu sein, habe ich quasi als ‚Arbeitsauftrag‘ an mich selbst verstanden, meine persönliche Entwicklung unter diesem Vorzeichen voran zu treiben. Dafür nehme ich immer wieder Hilfe in Anspruch in Form von Beratungen und Seminaren unterschiedlichster Art, Selbsthilfegruppen o.ä. Still sitzen und abwarten, was passiert, funktioniert m.E. nicht.

  2. Es gibt ja so vieles was es gibt und doch keine Krankheit ist. Wenn man bedenkt wie lange man Homosexualität z.B. als Krankheit betitelte und es doch nie eine war. Und dennoch existiert diese – nach wie vor.

    Ich als HSP wünsche mir, dass es noch viel mehr verbreitete Information über „uns“ geben wird, sodass man nicht länger als „Sonderling“ angesehen wird, sondern es „ganz normal“ ist, dass es uns gibt und wir u.a. einen einen Arbeitsplatz finden (gerade ein aktuelles Thema bei mir), in dem wir geschätzt werden und mit unseren Talenten und Fähigkeiten arbeiten, wachsen und aufblühen können/dürfen. 🙂

  3. Die Erkenntnis, dass ich HSP bin, verändert erst einmal nichts.
    Die Einsicht in Zusammenhänge warum ich bin wie ich bin (und z.B. im lauten Kino, auf dem Weihnachtsmarkt oder bei Partys nicht „funktioniere“ wie andere) hat mir aber mein Selbstwertgefühl wiedergegeben. Ich zwinge mich nicht mehr! Und ich vertraue meiner Wahrnehmung, die so oft Situationen und Gefühle blitzschnell erfühlt. In meiner beratenden Arbeit ist das eine echte Unterstützung.

  4. Ich bin nun 64 Jahre alt, seit 10 Jahren berentet und weiß seit 4 Jahren von meiner HSP.
    Mein Berufsleben war für mich sehr erfüllend und befriedigend verlaufen.
    Ich habe nur immer unter Lärm und Ungerechtigkeiten sowie großen Menschenansammlungen und engen Räumen gelitten.
    Zu meinem großen Glück habe ich immer sehr viel natürliche Autorität besessen und konnte mein Arbeitsumfeld für mich passend gestalten.
    Kurz vor meinem Rentenbeginn hatte ich dann endlich das Optimum an Raum, Umgebung und Arbeitspensum.
    Leider etwas zu spät – ich war ausgebrannt.
    Im Rückblick kam ich mir vor wie ein SUV der im höchsten Drehzahlbereich ohne Räder einen steilen Berg empor fährt.
    Ja auch so kann HSP sein.
    Ich bin froh heute etwas mehr über mich zu wissen und meinen Alltag so zu leben wie es zu mir passt.
    Ich bin nicht faul sondern sehr achtsam im Umgang mit meinen Ressourcen.
    Danke für die vielen Informationen zu diesem Thema
    Gundy

  5. Liebe HSP-Gemeinde,

    ich denke, dass das Thema HSP, das sehr, sehr viele Facetten hat, absolut ernst genommen werden muss.
    Die Erfahrung zeigt, dass die Schulmedizin absolut überfordert ist, weil zu individuell. Individualität ist in unserem System nicht wirklich gewollt, weil man diese nicht berechnen, systematisieren, einordnen und verallgemeinern kann.
    Was mich bei einigen HSPlern stört, ist die vermeintliche Hochsensibilität im Sinne von Hellsichtigkeit, übersinnlicher Wahrnehmung oder weiteren esoterischen Anwandlungen.
    Die „Reaktionsfreudigkeit“ eines HSPler hat damit keineswegs etwas zu tun. Die Beschäftigung mit sich und der Umwelt führt dazu, dass man das Bewußtsein öffnet und die Wahrnehmung manchmal auch dadurch sensibler ist.
    Viel zuwenige machen sich Gedanken über Ernährung, synthetische Duftstoffe, Umweltgifte,Lärm etc., die unser Nervensystem teils sehr kräftig tangieren. Entlastung nicht nur im emotionalen Bereich wäre doch sinnvoll, denn hier kann jeder – ohne Ausnahme – selbst bei sich beginnen und muss nicht Gründe bei anderen oder im Außen suchen.
    Bei mir hinterließen 35 Jahre mit dieser Thematik natürlich auch ihre Spuren, die Odysse in der Medizin macht müde, die mangelnde Anerkennung im System gefärdet die Existenz, wenn man nicht in der Lage ist, alleine für seinen Unterhalt zu sorgen. Ein „angepasstes“ Arbeitsverhältnis ist schwer zu finden, eine Selbständigkeit nahezu aussichtlos, denn wenn der Laden brummt, muss einiges bewältigt werden…

    Ich finde es auch sehr schön, dass es inzwischen den Blog gibt, denn dieser ist wesentlich aussagekräftiger und langlebiger, als die Sozialen Medien.

    In diesem Sinne wünsche ich allen das Beste!

    Gruß
    Dieter

  6. Lieber Dieter Kulinar,

    „….eine Selbständigkeit nahezu aussichtlos, denn wenn der Laden brummt, muss einiges bewältigt werden…“

    Meine HSP Erkenntnis liegt bereits einige Jahre zurück und ebenfalls einige Jahre her ist der – mehr oder weniger freiwillige – Schritt in die Selbständigkeit. Zeitgleich (am selben Tag!) mit der Trennung von meinem Geschäftspartner, mit der er mich völlig überraschend konfrontierte, nach 9 Monaten passierte ein schwerer, von mir nicht verschuldeter Autounfall: ein Fahrradfahrer der eine rote Ampel ignoriert hat fuhr mir genau vor mein Auto. 25 Jahre alt und nach 1 Woche im Koma verstorben.

    Natürlich war das brutal und wahnsinnig hart: aber mit dem Rücken an der Wand gibt es nur noch eine Richtung, nämlich nach vorne!

    Ja, Selbständigkeit fordert, ist aber absolut nicht aussichtslos, das kann ich Dir versichern! Nach mittlerweile 14 Jahren bereue ich diesen Schritt nicht mehr und ich bin überzeugt, dass auch HSPler sehr gute Chancen haben sich durchzusetzen!

    Herzlichen und mutmachenden Gruß an alle, vor allem an die die noch zögerlich sind! 🙂

    Sabine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.