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Eine Scheidung oder Trennung überstehen – für HSP

Eine Trennung von einem Partner, besonders wenn sie mit diesem lange Zeit zusammen waren, ist für alle Menschen eine arge Belastung. Für Hochsensible ist es oft katastrophal. Hochsensitive Personen geraten oft geradezu in einen Strudel von schlimmen Gefühlen und Gedanken und fühlen sich völlig aus der Bahn geworfen, mit starken Stimmungsschwankungen und endlosen Grübeleien. Vielleicht haben sie gar das Gefühl, in ein schwarzes Loch zu fallen. Diesen unangenehmen Zustand will man möglichst schnell beenden, aber wie? Gerade für Hochsensible, die viele Zusammenhänge, Verbindungen und Folgen sehen und fühlen, die innere Tiefe und eine Vielzahl an Empfindungen haben, fühlt sich diese Lebensphase oft an wie eine Katastrophe, der sie ausgeliefert sind.

Vor wenigen Wochen habe ich mit einer Psychologischen Beraterin ein interessantes Gespräch über Hochsensible und Liebeskummer geführt. In der Folge habe ich mich ausführlicher damit befasst, und es entstand in mir der Wunsch, darüber zu schreiben – vielleicht ist es ja für den einen oder die andere gerade hilfreich. 

Das Wichtigste scheint zu sein, gerade während und nach einer Trennung gut für sich selbst zu sorgen, sich selbst ein guter Freund zu sein. Das sieht konkret so aus:

  • Halten Sie sich von Ihrem/Ihrer Ex fern. Falls das nicht möglich ist, etwa wegen gemeinsamer Kinder, bleiben Sie sachlich.
  • Lenken Sie sich ab. Tun Sie etwas, das Ihnen wirklich Freude macht. Überlegen Sie, was Sie in der Vergangenheit, in Ihrer Jugend, gerne getan haben. Hatten Sie Hobbies, an die Sie anknüpfen können? Machen Sie Sport.
  • Hören Sie Musik, tanzen Sie.
  • Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken.
  • Finden Sie ein, zwei vertraute Menschen, mit denen Sie das Vergangene besprechen können.

Vieles davon klingt vielleicht nach „verdrängen“. Und so manche hochsensible Menschen fragen sich: Darf man das überhaupt? Muss man nicht das Leid „annehmen“ und „aufarbeiten“? „Aufarbeiten“ hat für viele Menschen, besonders für Frauen, eine hohe Priorität, ja es erscheint vielen hochsensiblen Menschen gar als eine Pflicht, nichts wegzuschieben, sondern sich alles – besonders die eigenen Gefühle – genau anzusehen.

Beziehungsexperten und Psychologen raten jedoch: Verdrängen bzw. ablenken ist in konflikt- und schmerzvollen Lebenslagen oft sehr wertvoll und richtig. Bei einer Trennung, besonders nach einer langjährigen Beziehung, kommt ja meist noch viel mehr in Unordnung als nur die eigenen Emotionen: Es gab vielleicht einen gemeinsamen Wohnsitz, der von mindestens einem aufgegeben werden musste, vielleicht gibt es gemeinsame Kinder, vielleicht finanzielle Probleme. Bei einer Trennung geht oft sehr viel in die Brüche. Da ist es sehr hilfreich, wenn man wenigstens den eigenen Emotionen nicht hilflos ausgeliefert ist. Daher raten Psychologen und Coaches dazu, nach einer Trennung gut für sich selbst zu sorgen und schöne Erlebnisse zu suchen.

Aufarbeiten ist etwas völlig anderes, als Wunden immer wieder aufzureißen und nicht in Ruhe heilen zu lassen. Aufarbeiten können wir dann, wenn wir unser Leben geordnet haben, wenn wir Abstand gefunden haben, wenn wir uns sicher fühlen, wenn wir Menschen um uns haben, die uns Halt geben und die uns unterstützen.

Das Verdrängen von Emotionen – genauer gesagt die bewusste und gezielte Ablenkung – hat noch einen Sinn: Menschen mit starken Emotionen neigen dazu, immer wieder das Gleiche oder Ähnliches zu denken und zu fühlen. Das bewirkt im Gehirn, dass diese ‚Datenbahnen‘ immer breiter werden. Je öfter wir etwas fühlen oder denken, umso stärker wird es und umso eher werden wir in Zukunft wieder so fühlen/denken. Der Trennung ist oft eine lange Zeit der Probleme vorausgegangen, und deshalb haben Menschen mit Liebeskummer oft Gedankenschleifen, die sich mit Leid und Unrecht drehen und mit dem (Ex)-Partner zu tun haben. Da ist es gut und hilfreich, das mithilfe der Vernunft zu stoppen und bewusst und willentlich in neuen Bahnen zu denken/fühlen.

Heilung bedeutet in diesem Fall, dass diese leidvollen Bahnen im Gehirn wieder auf ein normales Maß zurückschrumpfen. Deshalb ist es gut für die Heilung, wenn du dich nicht permanent mit der kaputten Beziehung und mit deinem Leid beschäftigst.  Gib deinem Gehirn und vor allem auch deinem Herzen Zeit, zur Ruhe zu kommen.

Besonders dann, wenn die Beziehung längere Zeit unglücklich und vielleicht sogar traumatisch war, braucht es viel Zeit und viele gute Gefühle, um das zu überwinden. Man muss erst einmal die verloren gegangenen Anteile der eigenen Persönlichkeit wieder finden und neu beleben und integrieren. Das klappt nicht gut, wenn man dauernd bekümmert ist. Ziel ist ja, Lebensfreude, Mut und Selbstvertrauen wieder zu erlangen.

  • Überlegen Sie: Welche Hobbies hatten Sie vor der Beziehung? – Beginnen Sie wieder damit.
  • Was war Ihnen früher wichtig, wofür brannten Sie? – Wenn die Beziehungsproblematik nicht Ihr ganzes Sein überschattet – wer sind Sie? Was sind Ihre wichtigsten Werte?
  • Engagieren Sie sich für andere Menschen, oder für die Umwelt. Sie werden gebraucht!
  • Freuen Sie sich an den kleinen Dingen des Alltags: Es gibt so viel Schönes!
  • Ziehen Sie sich nicht von den Menschen zurück. Pflegen Sie Bekanntschaften und Freundschaften. Finden Sie Menschen, welche Ihre Interessen teilen.
  • Suchen Sie sich ein, zwei Menschen, denen Sie vertrauen, mit denen Sie über Ihre Probleme sprechen können, und auch über Trauer, Wut, Enttäuschung oder Sorgen. Aber sprechen Sie nicht mit allen und mit jedem über Ihre Trennung.
  • Machen Sie wieder Pläne, erwarten Sie Gutes, freuen Sie sich auf einen neuen Lebensabschnitt.


Gerade in hochemotionalen und stressigen Lebensphasen gilt es, mit der eigenen hochsensiblen Anlage besonders gut umzugehen, das heißt in diesem Fall mit Vernunft und Disziplin. Nachdenken ja, aber erlauben Sie sich keine endlosen Grübeleien. Überlegen Sie, was (außer der verflossenen Beziehung) Sie interessiert, und was Sie angenehm ablenken kann. Gehen Sie ins Kino, ins Theater, treffen Sie Bekannte, hören Sie schöne Musik.
Gefühle zulassen, ja, aber nicht in ihnen versinken. Es gibt Wege, um die eigenen Gefühle positiv zu beeinflussen: Ein Spaziergang oder ein Lauf im Grünen, Kontakt mit Tieren, singen, u.v.m.
Achten Sie auf sich, auf Ihre Gesundheit, vernachlässigen Sie sich und Ihre Wohnung nicht, sondern pflegen Sie sich. Schenken Sie sich Blumen. Achten Sie auf das Gute und freuen Sie sich bewusst daran.

Gutes Gelingen, und viele liebe Grüße!
Liesi

P.S.: In dem Beitrag „Mit starken Emotionen gut umgehen“ finden Sie noch mehr Anregungen, wie man mit unerwünscht starken Gefühlen zurechtkommen kann.
Tipp zum Weiterlesen/hören: Beziehungs- und Liebeskummer-Praxis „HerzMut“ von Mag. Sabine Weiss, https://herz-mut.com/
oder auch Hr. Anchu Kögl auf youtube: Liebeskummer überwinden

5 Gedanken zu „Eine Scheidung oder Trennung überstehen – für HSP

  1. Vielen Dank!!!! Das war WIRKLICH hilfreich. Habe mir den Text mehrmals durchgelesen. Gerade auch der Punkt, dass Selbstfürsorge manchmal heißt, mit Vernunft und Disziplin Grübeleien einzudämmen. Und dass es manchmal gut ist, zu verdrängen. Ich glaube, als HSP kommt für mich oft dazu: Die gängigen Tipps sind eher auf nicht HSP zugeschnitten, zB mal innehalten und Gefühle zu lassen. Mal über die Probleme nachdenken. Und ich bin immer verwirrt, weil ich eigentlich weiß, dass diese Tipps für mich nicht passen. Trotzdem bin ich verwirrt.
    Ich hätte einen Artikel über Liebeskummer auch nicht angeklickt, wenn der Bezug zu HSP mich nicht neugierig gemacht hätte .
    Und merke gerade, wie gut es tut, mal Tipps zu lesen, die wirklich passen. Danke.

  2. Ich habe gerade erst den Test gemacht und er ist postiv. Ich bin auf jeden Fall HSP.
    das ist für mich eine weitere Erklärung, warum mir die Trennung von meinem Man so schwer fällt. Obwohl wir usn als Paar getrennt haben, wohnen wir noch in einer Wohnung, aber es tut mir nicht gut! Eine so einschneidende Veränderung wie ein Umzug würde mich enorm belasten! Jetzt weiß ich, warum.
    Das war sehr hilfreich für mich. Danke.

    1. Hallo,
      danke für deine Zeilen! Das klingt hart. Zusammenleben mit einem Partner, von dem man getrennt ist, das ist ein sehr starker emotionaler Stress, wie ich finde. Kaum auszuhalten. Ich wünsche dir, dass du gute Entscheidungen triffst und konsequent umsetzen kannst. Alles Liebe! Liesi

  3. Hallo zusammen,
    ich musste 44 Jahre alt werden um mir vor wenigen Wochen von einem Coach nach nur einer Minuten sagen zu lassen, ob ich mich schon mal mit Hochbegabung und Hochsensibilität beschäftigt hätte. BINGO! Ich habe zwar immer gedacht, dass ich irgendwie anders bin, habe es aber immer beiseite geschoben, da ich ja immer unbedingt dazugehören und einfach ein „normaler“ Mensch sein wollte. Anfang Oktober ging meine Beziehung zu meinem Freund nach über 1,5 Jahren in die Brüche. Ich habe mit diesem Mann nur ein Zehntel meiner Ehe verbracht (ich war 15 Jahre verheiratet), dafür war diese Beziehung sehr intensiv, von Leidenschaft und einer inneren Verbindung geprägt, die ich heute noch spüre. Leider gab es viele Probleme weil wir aus zwei verschiedenen Welten stammen und er zwar auf einer Seite zwar sensibel war, aber auf der anderen Seite auch unaufmerksam und nicht sehr rücksichtsvoll (ein typischer Zwilling eben). Die Trennung hat mich 6 Wochen lang nicht schlafen lassen und der Kummer glich für mich einem Höllentrip. So langsam aber kämpfe ich mich heraus aus dem dunklen Tal und lese viel über HSP, hab mir gleich mal eine Ladung Bücher auf Amazon bestellt und muss beim Lesen manchmal das Buch weglegen weil ich bitterlich weinen muss. Wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen. Ich hätte mir jahrzehntelanges Leiden erspart! Ich praktiziere seit einiger Zeit Yoga und habe herausgefunden, dass ich dadurch geerdeter bin, außerdem lasse ich die Finger vom Alkohol da ich gemerkt habe dass dieser meine Stimmung zusätzlich betrübt (obwohl ich nie viel getrunken habe). Ich möchte achtsamer sein in meinen Beziehungen und liebevoller mit mir selbst…schließlich sind wir doch was Besonderes, oder? 🙂 Liebe Grüße an alle

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