Hochsensible Kinder

Ein neues Schuljahr – Herausforderungen für hochsensible Kinder und Eltern

Ein neues Kindergarten- und Schuljahr hat begonnen. Eine aufregende Zeit! Meine Kinder sind zwar schon erwachsen, aber es kommen Erinnerungen hoch – gute wie weniger gute –, wenn ich die vielen aufgeregten Eltern mit ihren neu eingekleideten Kindern sehe. Und oft – nicht nur zu Schulbeginn -, schreiben mir Eltern hochsensibler Kinder über ihre Sorgen. Viele Eltern fragen sich, ob ihr (hochsensibles) Kind auf Kita, Kindergarten oder Schule gut vorbereitet ist. Viele Eltern haben die Befürchtung, dass ihr Kind Situationen ausgeliefert sein könnte, mit denen es schlecht zurechtkommt. Diese Befürchtung wird oft nicht ausgesprochen, denn welche Mutter möchte schon als Glucke dastehen, die ihr Kind nicht loslassen kann und ihm wenig zutraut. Doch solche elterlichen Befürchtungen speisen sich nicht nur aus eigenen schlechten Kindheitserfahrungen, sondern haben handfeste Ursachen.

Gerade für Menschen, die von vornherein viel mehr Reize verarbeiten müssen, ist es enorm wichtig, diese selbst dosieren und so auf sich Einfluss nehmen zu können.‘ (Britta Karres, „Komm raus, ich seh dich!“ Wien, 2016) Zu Hause können Kinder die Intensität ihrer Erfahrungen steuern: Wenn es ihnen zu hektisch ist, setzten sie sich in eine ruhige Ecke, wenn ihnen heiß oder kalt ist, ziehen sie sich etwas anderes an, auf Hunger oder Durst können sie sofort reagieren, wenn ihnen langweilig ist, suchen sie etwas zu spielen, wenn sie sich fürchten oder traurig sind, kommen sie zu ihrer Bezugsperson und lassen sich trösten oder beschützen.

Jedoch in der Schule können sie nicht so selbstbestimmt handeln, sondern müssen vieles über sich ergehen lassen. Lärm im Klassenzimmer? – Sei nicht so zimperlich, sei kein Spielverderber! Dir ist langweilig? – Bloß nicht zu oft gähnen, sonst ist die Lehrerin beleidigt! U.s.w. Selbst sehr krasse und emotional völlig überfordernde Situationen, etwa wenn ein Kind  ein anderes schlägt und ernsthaft verletzt, muss das Kind mitansehen, ohne dass gewährleistet ist, dass da jemand wäre, der beim Verarbeiten hilft und es tröstend in die Arme nimmt.

Kein Wunder, wenn Eltern bange ist. Jedoch: Diese Bange möchte man seinem Kind nur ja nicht zeigen, denn sonst würde man es verunsichern. Stattdessen wird Zweckoptimismus zur Schau gestellt. Das erzeugt innere Spannungen bei den Eltern, die von ihrem hochsensiblen Kind sehr wohl wahrgenommen werden, und die es möglicherweise unter Druck setzen.

Doch was können Eltern tun, um ihr Kind mit einem guten Gefühl hinaus in die „große weite Welt“ gehen zu lassen? Die verschiedenen Fähigkeiten, die Ihr Kind dafür braucht, und die Sie ihm im Kleinkindalter und Vorschulalter entwickeln helfen können, werden unter dem sperrigen Begriff „Selbstwirksamkeitserwartung“ zusammengefasst.

‚Selbstwirksamkeit beinhaltet das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und schlägt sich in den Fähigkeiten der Stressverarbeitung und Selbstberuhigung nieder. Wir können uns nun selbst helfen, fühlen uns seltener ausgeliefert, weil wir wissen, wie wir Einflüsse von außen verarbeiten und einordnen können.‘ (Gerhard Roth, Neurobiologe)

Das klingt gut, ist aber besonders für jüngere Kinder, die sich noch nicht gut artikulieren können, gar nicht so einfach. Hochsensible nehmen ja nicht nur ihre Umwelt besonders stark wahr, sondern auch das eigene Innere: d.h. die eigenen Befindlichkeiten (körperliche Eindrücke oder Bedürfnisse) und die eigenen starken Emotionen. Und natürlich auch die eigenen Gedanken und Grübeleien, die oft sehr komplex sind.

Es liegt auf der Hand, dass gerade hochsensible Kinder, die ja mehr Eindrücke aufnehmen und verarbeiten müssen, und die sich deshalb eher überfordert fühlen könnten, ein besonders großes Maß an (Selbst)-Vertrauen und an Selbstwirksamkeit brauchen. Dafür brauchen sie oft altersgemäße Anleitung, ja oft geradezu ein Coaching.

Die wichtigsten Problemfelder sind:

Selbstachtung
Reizüberflutung
Perfektionismus
soziale Schwierigkeiten

(nach Julie Leuze, „Empfindsam erziehen“)

In den nächsten Blogbeiträgen werde ich auf jeden dieser sehr wichtigen Punkte einzeln eingehen.

Was Sie jedenfalls tun können: Verbringen Sie mit Ihrem Kind mindestens einmal in der Woche längere Zeit, in der Sie Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Ohne Leistungsdruck, ohne dass Sie Ihrem Kind etwas beibringen wollen oder es erziehen oder beeinflussen möchten. Unstrukturierte Zeit, die es einfach – mit Ihnen zusammen – genießen kann.

Bestärken Sie Ihr hochsensibles Kind, indem Sie zu Hause immer wieder auf seine spezielle Eigenart eingehen – aber erwarten Sie nicht, dass dies in der Schule ebenfalls so sein wird. Hochsensible sind eine Minderheit – damit müssen wir umgehen lernen. Das kann man nicht wegdiskutieren oder wegtherapieren. Aber es ist gar nicht notwendig, dass „alle Welt“ Ihr Kind restlos versteht. Hauptsache, es gibt einige wenige Menschen, von denen es angenommen, wertgeschätzt und bedingungslos geliebt wird. Und dass es regelmäßig Zeiten und Orte gibt, die es ganz nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen gestalten kann.

Nächste Woche lesen Sie über Selbstachtung – wie sich diese auswirkt und wie Sie die Selbstachtung Ihres Kindes stärken können.

Herzliche Grüße!
Liesi

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