
Heute schreibe ich aus persönlicher Erfahrung über ein Thema, das vielen Menschen zu dunkel und schwer erscheint, um sich freiwillig damit zu befassen. Noch weniger wollen wir unsere Kinder damit ‚belasten‘. Man möchte das Thema Tod und Sterben von den Kindern fernhalten. Ich jedoch finde, dass dies meist keine gute Idee ist, wenn ein Angehöriger betroffen ist.
Denn erstens hat das Verdrängen leider oft zur Folge, dass die Sterbenden, z.B. Oma oder Opa, aus dem Familienverband herausgedrängt werden. Denn die Familie besucht dann den Todkranken nicht mehr gemeinsam mit den Kindern, und in der Folge besuchen ihn auch die Erwachsenen seltener. Sterbende werden in Hospize oder Heime verbracht mit dem Trost, dass dort die Experten nun für den Angehörigen zuständig seien. Dabei ist bitte zu bedenken: Wir, die Hinterbliebenen, müssen von einem Menschen Abschied nehmen. Aber der Sterbende muss von allen Menschen Abschied nehmen! Es ist eine Liebestat, wenn Angehörige dafür mit ausreichend Zeit und Achtsamkeit zur Verfügung stehen.
Und zweitens bewirkt das Verschweigen oft eine profunde Verunsicherung bei den ausgeschlossenen Kindern. Sie werden oft deswegen im Unklaren gelassen, weil man sie abschirmen möchte, aber gerade hochsensible Kinder spüren trotzdem überdeutlich, dass etwas anders ist. Irgendwann sagt man dem Kind, dass „Oma jetzt im Himmel ist“ oder einfach, dass sie tot sei. Wie auch immer, das Kind hat wenig Möglichkeit, angemessen Abschied zu nehmen. Und vielleicht fragt es sich insgeheim, ob wohl bald auch die eigene Mama ohne Vorwarnung für immer weg sein wird.
Wenn man Kinder ehrlich und ihrem Alter entsprechend begleitet, können sie erstaunlich gut mit Abschied, Tod und Trauer umgehen. Hier ein paar bewährte Anregungen dazu:
Ehrliche und einfache Worte: Zum Beispiel: ‚Opa ist sehr krank, er wird nicht mehr gesund werden, sagen die Ärzte. Sein Körper wird bald aufhören zu funktionieren und er wird sterben‘.
Mit unklaren oder beschönigenden Aussagen verwirren wir sie wahrscheinlich. Wenn man z.B. sagt: ‚Opa ist für immer eingeschlafen‘, dann bekommt das Kind vielleicht Angst vor dem Einschlafen, weil es fürchtet, dass das auch für immer sein könnte.
Sich über die eigenen Gefühle klar werden und diese sortieren. Die eigene Unsicherheit, vielleicht Angst, vielleicht Trauer, bis zu einem gewissen Grad zulassen. Denn Kinder spüren, wenn Worte und Gefühle nicht zusammenpassen.
Kinder ermutigen, Fragen zu stellen und ihre Fragen ernst nehmen. Dabei ist es in Ordnung zuzugeben, dass man nicht alles weiß.
Kontakt zwischen dem Kind und sterbendem Angehörigen ermöglichen – aber auf freiwilliger Basis; wenn es für den sterbenden Angehörigen gewünscht ist und wenn auch das Kind dies möchte. Vor einem Besuch erklären Sie dem Kind, was es etwa erwartet: z.B. dass die Oma abgenommen hat, dass sie blass ist, oder vielleicht ist sie an Geräte angeschlossen. Vor dem Besuch kann sich das Kind darauf einstimmen, indem es etwas für Oma zeichnet oder bastelt oder ein kleines Geschenk auswählt. So ein Krankenbesuch muss nicht lange dauern. Er kann auch sehr kurz sein und trotzdem den Beteiligten langfristig helfen, Abschied zu nehmen und zu verarbeiten.
Nach Tod und Begräbnis: Trauer braucht Zeit. Geben Sie Ihrem Kind immer wieder Gelegenheit, darüber zu sprechen. Helfen Sie eventuell dabei, die richtigen Worte beim Benennen von Gefühlen zu finden. Aber dringen Sie keinesfalls in das Kind. Wenn es nicht sprechen möchte, wenn es scheinbar „wie immer“ spielt und sich verhält, ist das in Ordnung. Vielleicht kommen Trauer andere Gefühle erst viel später hervor. Auch Wut darf sein. Alle Gefühle dürfen sein. Bleiben Sie aufmerksam und geduldig.
Falls Sie den Eindruck haben, dass das Kind belastet und verschlossen ist, so suchen Sie bitte Unterstützung bei einer Kindertrauerbegleiterin oder einem Kinderpsychologen. Die meisten Kinder jedoch können solche Ereignisse erstaunlich gut bewältigen, wenn sie in einem stabilen Umfeld leben dürfen und von Anfang an achtsam und liebevoll begleitet werden.
Ich freue mich sehr, dass im November im Festland Verlag ein sehr schönes und „leichtes“ Buch zu diesem Thema erschienen ist: „Wohin fliegt Hamster Herkules?“ von Julie Leuze. Die Autorin ist eine sehr erfolgreiche Autorin („Anderwelt“-Buchreihe, „Kalli Wüstenmucks“, „Empfindsam erziehen“ uvm.) Sie hat mit diesem Buch ein berührendes, tiefsinniges und zugleich humorvolles und leichtes Werk geschaffen.
Hier kommen noch einige Anregungen und weiterführende Adressen, falls Sie sich noch weiter mit der Thematik beschäftigen möchten:
- Wien: „Der rote Anker“ von CS Rennweg bietet Trauergruppen für Kinder: https://www.cs.at/angebote/cs-hospiz-rennweg/roter-anker
- Bremen: Verein Trauerland https://www.trauerland.org/
- Der Malteserorden vermittelt Kontakte vor Ort: https://www.malteser.de/trauerbegleitung.html
Ich wünsche euch/Ihnen Achtsamkeit, Liebe und Leichtigkeit!
Ingrid
Herzlichen Dank für diesen Artikel. Ich kann (mal wieder) nur für mich sprechen. Wenn ich mal sterbe hätte ich gerne kleine Kinder dabei denen ich dann sage, dass sie nicht ganz so traurig sein sollen. Romantische Vorstellung, aber ich mag den Gedanken. Lieben Gruß Thomas R