Unsere Vereinsarbeit

Herausforderungen

Wir HSP im deutschsprachigen Raum leben – im Vergleich zu weiten Teilen der Welt – in Frieden und Wohlstand. Hochsensible können hier und heute besser als in der von Entbehrungen und Kriegen geprägten Vergangenheit ihr Leben der eigenen Anlage entsprechend gestalten. Voraussetzung dafür ist, dass die Anlage zur Hochsensibilität bewusst ist und angenommen wird. Da setzen die Selbstmanagement-Techniken für Hochsensible an. Diese erachten wir für sehr wichtig. Es ist ein wichtiger Teil unserer Vereinsarbeit, geeignete Strategien zu sammeln, und Menschen darüber zu informieren.

Doch nicht alles lässt sich mit Selbstmanagement-Strategien in den Griff bekommen. Viele von uns tragen seelische Lasten und/oder chronische Konflikte mit sich herum. Diese können unterschiedlichste Ursachen haben. Gefühle von starker Belastung sind manchmal durch die Hochsensibilität bedingt, aber oft sind es die Folgen einer leidvollen Vergangenheit und/oder einer konfliktbeladenen aktuellen Lebenssituation.

Manche der Lasten sind noch älter. Die Folgen der letzten Kriege mit ihrer Gewalt, mit Hunger, Not und Ungerechtigkeit, sind nicht wirklich geheilt und überwunden. Auch die kriegsbedingte Vaterlosigkeit wirkt sich bis heute aus. Wir spüren noch immer Auswirkungen von Lügen und Verdrehungen des Nationalsozialismus, frieren in der Kälte des Schweigens, der verdrängten Schuld, vermissen den Erfindergeist und die Kreativität der vielen damals verfolgten, vertriebenen oder ermordeten Intellektuellen und Künstler – viele davon HSP. Aber die meisten von uns fanden ebenso wenig wie unsere Vorfahren die Zeit und Gelegenheit, uns mit all dem auseinander zu setzen.

In den letzten Jahren bewegt sich unsere Kultur unter den Flaggen des wirtschaftlichen Liberalismus, der zunehmenden Anonymisierung in immer offeneren Egoismus und Unverbundenheit. Egoismus ist fast schon eine Pflicht geworden – wer nicht die „Marke Ich“ kultiviert und an seiner „Wellness“ arbeitet – und zwar mit Erfolg! – der wird zunehmend als charakterlich und sogar moralisch mangelhaft wahrgenommen. Es scheint manchmal, dass die in den 50-er Jahren erfundene „Frohsinnspflicht“ – in ihrer modernen schaumgebremsten Form als „Coolness“ bezeichnet – im Zeitalter von Facebook unsere wichtigste Bürgerpflicht geworden ist.

Das gelingende Leben wird zu einer privaten, individualistischen Leistung, die von jedem verlangt wird, und die möglichst gut auf Facebook und anderen Plattformen in Szene gesetzt wird. Scham erfüllt viele, die das nicht können.

Wenn wir all dies – oder Aspekte davon – wahrnehmen und ansprechen, so begegnen wir nicht selten dem Argument, wir seien eben „zu sensibel“ – wir würden uns dies oder jenes „zu sehr zu Herzen nehmen“, oder wir sollten es mal mit Positivem Denken versuchen.

Sehr viele HSP wenden sich an den Verein, und artikulieren unterschiedlichste Arten von seelischem Schmerz. Ein diffuses, komplexes und nicht durch die aktuellen Umstände erklärbares Leid. Vieles davon könnte man als ‚Weltschmerz‘ zusammenfassen. Es ist sehr verständlich, und völlig legitim, dass Hochsensible einfach ein gutes Leben haben möchten, obwohl die Welt so ist wie sie ist.

Wir wünschen allen HSP die Liebe und den Frieden, nach denen sich die meisten von uns sehnen. Wir verstehen, dass viele Strategien entwickelt wurden, um Leid, negative Emotionen, Scham, und Schuldgefühle zu vermeiden. Wir verstehen, dass auch Hochsensible gut dastehen wollen, vor sich selbst und anderen, und ein gelingendes Leben vorweisen wollen. Wir wünschen allen, von Schmerz, Versagensängsten und Vorurteilen nicht mehr daran gehindert zu werden, so herzensgut, kompetent, so hilfreich, konstruktiv und freudig zu sein, wie wir sein möchten.

Lösungsansätze

Es ist verständlich, dass Menschen sich schnelle und einfache Lösungen wünschen, und gerne Ratgeber lesen, die alles ganz einfach und im Handumdrehen zu ändern versprechen. Aber es gibt im Leben, was die eigene Entwicklung betrifft, keine Abkürzungen. Jeder Versuch einer Abkürzung in diesem Bereich ist ein Vermeiden von dem was ist, d.h. ein Vermeiden von dem, was wahr ist. Heilung braucht Geduld.

Manche Hochsensible finden sich in einer ‚Falle‘, und können deshalb kaum oder nur mühsam ihren Weg gehen.

Da gibt es die Falle der Subjektivität: Wir spüren unsere eigenen Emotionen, (besonders Irritation, Unsicherheit), viel stärker als die Gefühle der anderen, auch wenn wir meinen, sehr mitfühlend zu sein. Wir erkennen unsere eigenen guten Absichten, auch dann wenn wir diese nicht erfolgreich zum Ausdruck bringen konnten. Die guten der Absichten anderer nehmen wir seltener wahr, wenn sie sich nicht in deutlich positiven Handlungen manifestieren. Selbst unser Mitgefühl ist sehr stark gefärbt von unseren eigenen Gefühlen. Unsere situationsbezogenen Gedanken und Gefühle sind von unserem Charakter eingefärbt. Dies gilt oft für HSP in weit höherem Maße als für durchschnittlich Sensible, eben wegen unserer starken Empfindungen, die wir für bare Münze nehmen, manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht, je nachdem. Wir nehmen zwar mehr wahr, aber wir blenden vieles aus oder färben das Wahrgenommene ein, entsprechend unseres eigenen Charakters. Je größer die Kluft zwischen der Realität und unserer Vorstellung von der Realität wird, umso ineffektiver werden unser Handeln und unsere Worte, und unsere Gefühle verbinden uns nicht mit anderen, sondern trennen uns von ihnen.

Dann gibt es noch andere Fallen, die bewirken, dass wir trotz Anstrengungen auf der Stelle treten: z.B. die Falle des Rückzugs, (die Isolation macht uns ungeschickt und unerfahren, das bringt uns Misserfolge, was zu weiterem Rückzug führt), die Falle des Verurteilens, (führt auch zu Misserfolg, so wie beim Fuchs und den Trauben) und verschiedene andere, in denen manche Hochsensible festsitzen.

Was können wir tun?

Um das Bild von der Falle weiterzuführen: Es ist viel leichter, aus einer Falle heraus zu kommen, wenn wir nicht alleine sind. Andere Menschen helfen uns, ein realistisches Bild von unserer Lage zu bekommen, und auch dabei, diese Realität erst einmal als solche anzuerkennen. Und sie können uns helfen, die wichtigsten nächsten Schritte zu setzen, nämlich raus aus der Falle.

Das ist ein Grund, warum persönliche Kontakte und Vernetzung für Hochsensible sehr wichtig sind. Menschen finden heilende Gemeinschaft in religiösen Gruppen, in Vereinen und gelegentlich in Selbsthilfegruppen. An immer mehr Orten im deutschsprachigen Raum entstehen hochsensible Gesprächsrunden. Manche hochsensible Menschen haben Ängste und Vorbehalte gegenüber anderen Menschen, wollen sich trotzdem nicht ganz alleine fühlen, und verbringen deshalb viel Zeit im Internet. Wir werden oft nach Foren für Hochsensible gefragt, und diese gibt es und sie haben ihren Wert. Wir empfehlen jedoch den direkten Kontakt in Gesprächsrunden. Der direkte Kontakt ist zwar schwieriger als der in Internet- Foren, aber er bringt Menschen viel weiter. Es macht einen Unterschied, ob wir tatsächlich gesehen werden, oder uns hinter Masken, Nicknames und Avataren verbergen können. Echter Kontakt lässt sich ebeso wenig ersetzen, wie echte Bäume, echtes Meer, der Wind im Haar…  Und nur der echte Kontakt kann uns die Sicherheit und die Lebendigkeit geben, nach der wir suchen.

Das können wir deswegen mit solcher Sicherheit sagen, weil wir nicht nur beides selbst ausprobiert haben, sondern auch mittlerweile sehr viele Hochsensible kennenlernen und begleiten durften. Mit manchen haben wir häufig und regelmäßig Kontakt, andere treffen wir monatlich oder seltener. Für viele wird durch ein Treffen und Austauschen mit anderen Hochsensiblen die Umsetzung ihrer neuen Erkenntnisse begonnen. Die Gemeinschaft ist da sehr wichtig. Im zwanglosen Austausch kommt es zu Aha-Erlebnissen und zum Reframing der eigenen Vergangenheit. Viele kommen anfangs oft, später seltener, und dann irgendwann vielleicht gar nicht mehr. Sie richten sich neu aus, und finden dann ihren Weg anderswo.

Für manche – wie auch für uns – werden diese Treffen der sensiblen Geselligkeit zu einem regelmäßigen Bestandteil des Soziallebens.

Darum ermutigen wir alle HSP, mit anderen Hochsensiblen in direkten Kontakt zu kommen. Auch mit solchen, die älter sind, oder die in völlig anderen Lebensumständen leben.

Darüber hinaus ist der praktische Schwerpunkt unserer Arbeit weiterhin das Sammeln und Verbreiten von Informationen, die für Hochsensible relevant sein können. Diesbezüglich sind wir sehr dankbar für die unermüdliche Arbeit des IFHS (Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität) Webseite: www.hochsensibel.org in Deutschland, der Informationen, Kontaktdaten und Publikationen sehr konsequent sammelt und verfügbar macht.