3. HSP Kongress 2017
in Münsingen bei Bern, CH

Am 2. und 3. September 2017 fand zum dritten mal der Schweizer HSP Kongress in Münsingen bei Bern statt. Ca. 160 Menschen kamen zusammen, um sich intensiv mit dem Thema zu befassen. Wie schon in den letzten beiden Jahren war das Programm dicht und abwechslungsreich. Bei den Vorträgen überwog der wissenschaftliche Ansatz, die Neurologie und Beiträge zur pränatalen Psychologie. Bei den Workshops war das Angebot bunt gemischt, mit einem Schwerpunkt auf verschiedenen Möglichkeiten der Körperarbeit.
Bei den Berichten aus der Wissenschaft fiel auf, dass dort noch kaum im Neuland geforscht wird. Noch ist man vor allem damit beschäftigt, die Dinge, die hochsensible Menschen sowieso wissen, weil sie das ja an sich selbst beobachten können, mit wissenschaftlicher Methodik zu beweisen. Das scheint notwendig zu sein, um das Phänomen Hochsensibilität aus dem Bereich von Subjektivität und damit potentieller Einbildung überzuführen in den Bereich der „objektiven Wissenschaft“. Viele Menschen in der heutigen Welt brauchen das, um ein Thema ernst nehmen zu können.
Als wissenschaftlich einigermaßen gesichert gilt inzwischen, dass es das Phänomen gibt (es wird wissenschaftlich meist entweder „Neurosensitivität“ oder „Wahrnehmungs- und Verarbeitungssensitivität“ genannt), dass es einen stark genetischen Anteil hat (mindestens drei Gene wurden da bereits identifiziert), und dass es kein Defekt ist, aber psychische Probleme begünstigt. So sollen hochsensible Frauen ein 8,5-fach erhöhtes Risiko haben, psychisch krank zu werden, und hochsensible Männer sogar ein 11-faches. Andererseits wurde von Seiten der Wissenschaft bereits festgestellt, dass HSP nicht nur auf Negatives, sondern auch auf positive Einflüsse stärker reagieren. So sollen HSP nachgewiesener weise von Therapie- und Unterstützungsangeboten, aber auch von privater Hilfestellung und Zuwendung viel stärker profitieren als andere.
Den Keynote-Vortrag hielt Georg Parlow, Obmann des Vereins „Zart besaitet“ und Autor des gleichnamigen Buches. Im Schlusswort des Vortrags ging er auf einen heiklen Punkt ein, der starke Resonanz hervorrief und es wert ist, hier weiter unten nochmal abgedruckt zu werden. Zusammenfassend lässt sich für den Kongress sagen, dass es für alle Teilnehmer ein gelungenes Event war. Von den Veranstaltern war leider zu hören, dass sich heuer keine schwarze Null ausgegangen sei. Trotzdem soll der Kongress auch 2018 wieder stattfinden, aber vielleicht in etwas anderer Form.
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Die nachdenklich stimmenden Schlussworte des einleitenden Vortrags waren in etwa folgende:
„Eines lässt sich aus der Entwicklung klar erkennen: die Hochsensibilität wird immer öfter und in breiteren Rahmen thematisiert. Damit werden wir HSP immer sichtbarer. Nun ist es verständlich, dass viele HSP im Zuge ihrer Heilung und Selbstfindung eine Phase durchmachen, in der sie Rücksicht und Sonderbehandlung teilweise auch vehement einfordern. Verständlich insofern, denn wenn man vielleicht ein Leben lang im Abseits gestanden ist, vielleicht die Rolle allzu willig auch selbst übernommen hat, ist es nachvollziehbar dass man in der Selbstbefreiung etwas überkompensiert. Und ich will mich da selbst gar nicht ausnehmen, ich habe des öfteren die Zicke raushängen lassen und bin meiner Umwelt damit auf die Nerven gegangen, und sowas kann auch mal gut tun.
Aber so verständlich das ist, ich würde mir heute wünschen, dass HSP das tun, *bevor* sie sich als hochsensibel outen, und nicht vielleicht noch mit der Begründung „ich will das und das, *weil* ich hochsensibel bin. Warum? Nun ja, wenn wir in dieser Weise mühsam sind, tun wir niemandem etwas Gutes, außer uns selbst. Und so verständlich das mal aus therapeutischen Gründen sein mag – ist es nicht genau das, was wir an der „unsensiblen Welt“ so kritisieren? Dass alle nur auf den eigenen Vorteil und die eigene Bequemlichkeit schauen?
C. G. Jung sagte über die „sensiblen Introvertierten“, dass sie die „Erzieher und Förderer von Kultur“ seien. Wie funktioniert Erziehung? Nun, aus der Pädagogik wissen wir, dass mindestens 80% der Erziehung über das Vorbild passiert, und maximal 20% mit dem was wir predigen. Was wollen wir denn mit unserem Vorbild erreichen? Wir wollen doch alle
  • mehr Achtsamkeit,
  • mehr Vernunft,
  • mehr Respekt und
  • mehr Sensibilität in der Welt.
Wenn wir das wollen, dann müssen wir das leben, im Namen der Hochsensibilität vorleben.
Wir müssen das einbringen, nicht einfordern.
Die Welt braucht nicht unser Ego, sondern vor allem unser Herz.
Dabei hilft uns weder falsche Bescheidenheit, noch Anspruchshaltung.
Was wir dazu brauchen sind Mut, und Demut.“